Was ist Kapital?
Plädoyer für ein neues Verständnis des Kapitals


Kapital wird in der Soziologie als die Ressource bezeichnet, die den Menschen für die Durchsetzung ihrer Ziele zur Verfügung steht. Diese inhaltliche Zuweisung ist wohl die umfassendste, die wir finden können. Kapital ist insoweit das gesamte Potential von Natur, Umwelt, Gemeinschaft, Intelligenz, Produktions- und Reproduktionsmöglichkeiten, derer sich der Mensch bedienen kann, um eine Gemeinschaft und Welt zu gestalten. Das Erkennen des adäquaten Gestaltungspotentials und die gezielte Auswahl der Ressourcen zur Schöpfung neuer, kreativer Formen und Beziehungen im Hinblick auf ein Zukunftsbild, könnten wir als Intelligenz auffassen. Intelligenz wäre dann Fähigkeit mithilfe der Ressourcen die Fähigkeiten auszubilden, die uns in den Stand versetzen, in der Gemeinschaft aller Menschen, die Kreativitäts- und Freiheitspotentiale zu aktivieren, die die Menschheit entsprechend ihres Gestaltungswillens, dem Ebenbild einer besseren Welt näherbringen. Darüber hinaus ginge es darum die Dynamik, Aufeinander- Bezogenheit und Zielrichtung der Welt- bzw. Schöpfungsordnung zu erkennen und sich als Spezies Mensch so darin zu bewegen, dass die Potentiale freigesetzt werden – das Kapital geschöpft wird.

Das menschliche Vermögen ist Teil dieses Gesamtkapitals. Es ist aber auch zugleich Schöpfer neuer Gestaltungsformen. Mensch kann auch als Zerstörer des Kapitals auftreten, wenn er durch sein Verhalten die Vielfalt der Gestaltungspotentiale reduziert oder gänzlich zerstört – etwa durch die Vernichtung von Tier-, Pflanzenarten und indigenen Kulturen, die ja in ihrer Vielfalt und Ausprägung Träger und Mit-Schöpfer von Kapitalien sind, aus deren Fähigkeiten bereichernd wie scheiternd gelernt werden kann.

Geht man in der Bedeutung des Begriffs in die Geschichte zurück, so findet man in der ursprünglichen Bedeutung von Kapital eine Subsistenzform, nämlich den Vorschuss, der Menschen von der einen Ernte bis zur nächsten versorgt hat. Dies setzt die Erkenntnis – man könnte auch sagen – Intelligenz voraus, dass Menschen das Zusammenwirken der Fruchtzyklen der Natur (säen und ernten) richtig deuten und sich so dazu stellen, dass sie ihnen zum Leben dienen und ihre sie ernährende Funktion erhalten bzw. unterstützt (to sustain) wird. Der Erfolg unserer Lebensgemeinschaft ist davon abhängig, ob der Mensch ein stimmiges Bild vom Ganzen entwickelt. Solange das Bild unvollständig ist oder der Beitrag einzelner Agenten nicht einbezogen ist, besteht die Gefahr Kapital zu verspielen. In der Folge wird Leben ärmer.

Deshalb möchte ich dafür plädieren, den Kapitalbegriff in seiner umfassenden Form wahrzunehmen und ihn nicht zu „privatisieren“ oder zu verengen, um damit ggf. ausschließlich Partialinteressen zu verfolgen. Die Erodierung des Bedeutungsinhalts ist in den letzten Jahrzehnten leider festzustellen. Der Kapitalbegriff tauchte fast nur noch im ökonomischen Diskurs auf. Dort wurde er verengt d.h. nur noch auf den Zyklus angewendet, den Unternehmer, Eigentümer, Aktionäre in Gang setzen, um ihren Besitz, ihre Rendite und Wirtschaftsmacht zu mehren. Speziell angesichts der drohenden Klimakrise, den sich verschärfenden Handelskonflikten, dem Bevölkerungswachstum und den Flüchtlingsströmen möchten wir den Blick wieder auf die umfassende globale Gestaltungsdimension des Kapitals richten.

Von dieser einseitigen Vereinnahmung und Verengung des Begriffs müssen wir uns befreien und den Begriff erweitern, denn im Zuge der Verengung bzw. Ideologisierung seiner Bedeutungsinhalte wurde unser Blick auf das, was wir „Wirtschaft“ nennen auch mit reduziert. Als Folge wurden alle, in diesem Sinne nicht-ökonomischen Aspekte unternehmerischer Tätigkeit – man müsste korrekterweise „alle nicht-kapitalistischen Gesichtspunkte von Wirtschaft“ sagen – ausgeblendet. So entstand der Eindruck, Wirtschaftsunternehmen müssten sich bezüglich ihres Geschäftsmodells ausschließlich mit den eigenen ökonomischen Interessen befassen und nicht mit den ökologischen, sozialen, ethischen oder kulturellen Folgen ihres Handelns. Wenn man ihr Handeln und ihre Verfügungen über Unternehmen als „privat“ betrachtet, gewöhnen sich die Menschen an die damit verbundene Täuschung.

Es handelt sich bei einem Unternehmen um ein soziales (!) Gebilde, das Prägungen hervorruft, die weit über die rein privaten finanziellen Interessen der Eigentümer hinausgehen. Es handelt sich dabei eben nicht um die Gestaltung eines Gemüsebeetes oder eines Vorgartens. Hält man diese Täuschung (des privaten Unternehmens) aber erstmal für die Realität, fallen alle außerhalb des Vorgartens ausgelösten Folgen unternehmerischer Tätigkeit – d.h. die Beseitigung negativer Wirkungen – in die Verantwortung der Zivilgesellschaft oder ihrer staatlichen Einrichtungen.

Unternehmen sind dann scheinbar von den Folgen ihres Handelns für Gemeinschaft und Natur freigestellt. Sie sollen produzieren, Gewinne erzielen, Löhne und Steuern zahlen. Alles andere betrachtet man nicht als ihre Aufgabe. Zivilgesellschaft oder Staat sind dann selbst schuld, wenn sie die Regeln des Marktes nicht entsprechend festsetzen und dies zu Verwerfungen führt. Die Ausblendung der Wirkungen unternehmerischer Tätigkeit aus deren sozial-kulturellen Verantwortungsbereich hat zu einer Externalisierung von Kosten und Fehl-Bepreisung von Produkten geführt, in deren Folge sich ein umweltzerstörerisches Investitions- und Konsumverhalten ausgebildet hat. Diese Auslassung wird zunehmend zum Risiko für den Fortbestand unseres Planeten. Sie gefährdet die natürlichen Lebensgrundlagen und führt zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, zu Flüchtlingsströmen und Handelskriegen im globalen Maßstab. Deshalb möchten wir das Kapital in seiner Bedeutung als Gestaltungskraft neu in den Blick nehmen.

Warum brauchen wir einen erweiterten Kapitalbegriff?

Der Begriff Kapital transportiert viele Inhalte, die für die Entwicklung unserer Gesellschaft und den Bestand des Planeten von entscheidender Bedeutung sind. Gerade in den letzten Jahrzehnten wird deutlich, dass der sogenannte Kapitalismus über alle kulturellen, religiösen und parteipolitischen Grenzen hinweg als Wirtschaftsform prägend ist. Dies gilt sowohl für den Privatkapitalismus der westlichen Welt, – wie für den Staatskapitalismus z.B. in Russland oder China. Insbesondere wenn es um die Erhaltung unseres Planeten und der natürlichen Lebensgrundlagen geht, ist es von existenzieller Bedeutung, wie wir das Kapital als Gestaltungspotential unserer Zukunft als Menschheit verstehen. Seine inhaltliche Deutung führt uns in den Umgang mit unseren Lebensgrundlagen und ist entscheidend für das Überleben auf diesem Planeten. Angesichts der Gefährdungen, die die Verengung des Kapitalbegriffs im Wirken auf unser Konsumverhalten ausgelöst hat und die Schäden, die die Externalisierung der Kosten der ressourcenschädigenden Wirtschaftsweise der Unternehmen offenbart hat, ist es höchste Zeit diesen Mangel zu korrigieren. Es ist dringend notwendig, das Kapital im Zusammenwirken von Unternehmen, dem Einsatz menschlicher Arbeitskraft, den natürlichen Ressourcen und den Finanzmärkten zu erkennen und unser Bild von Menschheit, Welt und Wohlstand neu zu erfassen.

Wir unternehmen nun den Versuch, den verzerrten Kapitalbegriff durch eine inhaltliche Klärung und Herleitung seines Sinnzusammenhangs wieder zu erweitern, sodass er brauchbar wird für das, was wir in Zukunft als Kapital zu begreifen haben und die o.a. Verwerfungen zu vermeiden bzw. den entstandenen Schaden zu minimieren.

Kapital – der Kopf (caput)

Im Verlauf der Geschichte entdecken wir unterschiedliche Definitionen des Kapitalbegriffs. Frühe Erwähnungen finden wir im mittelalterlichen Latein als Adjektiv capitalis (caput=Kopf / Schädel), mit der die initiale Summe eines Kredits bezeichnet wird. Die Kreditsumme (als Kern oder Substanz) wurde mit dem „Kapital“ unterschieden von den anfallenden Zinsen (usury=Wucher später Zinsen oder engl. interest), d.h. dem Betrag, der später vom Kreditnehmer insgesamt zurückbezahlt wurde. Hier unterscheidet man Ursprungssubstanz von dem, was durch den Gebrauch des Kredits am Ende daraus wird. Der Gebrauch des Wortes, der im klassischen Umgangslatein unbekannt war, taucht im 12. Jahrhundert auf und wird im 13. Jahrhundert allgemein gebräuchlich. (Quelle: Frank A. Fetter, „Reformulation of the Concepts of Capital and Income in Economics and Accounting,“ 1937, in „Capital, Interest, & Rent,“ 1977).

Kapital als Kapitell – die Krone einer Säule

Im späteren 13. Jahrhundert finden wir dann in französischen Überlieferungen das Wort chapitel oder capitel als Krone oder Kopf einer Säule – etwa in der Architektur. Hier können wir erkennen, dass die Wortbedeutung in das semantische Feld der Umschreibung eines Vorganges hineinreicht, dem seine Bedeutung vom „Kopf her“ (der Idee, dem Denken) zuwächst. Man kann sagen, dass das Kapital die Dinge aus der weitest möglichen Perspektive im Sinne eines obersten Gesichtspunkts bezeichnet. Das Kapital weist aus der Wahrnehmung eines obersten Gesichtspunktes dem Ganzen seine Bestimmung „von oben“, vom Kopf her, aus dem Denken oder Geist zu.

Kapital als Prägung der Worte – Capital Letter

Im 15. Jahrhundert lesen wir von „a capital letter,“ als Großbuchstaben eines Wortes. „Capital“ bezeichnet die Hauptstadt eines Landes, in der der Regierungssitz ansässig ist.

Kapital als Reichtum und Wohlstandsbegriff

1610 finden wir Zeugnisse der Wortbedeutung, die den Wohlstand einer Person bezeichnen, abgeleitet vom mittelalterlichen Latein „capitale“ (property =Eigentum / Besitz). 1640 taucht das Wort als Beschreibung von Wohlstand auf, den man sich durch eine Geschäftstätigkeit erarbeitet hat (wealth employed in carrying out a particular business). Später (1793) lesen wir von einem Kapitalbegriff im Sinne einer Politischen Ökonomie, die den Teil der Güter bezeichnet, die für die Produktion weiterer Güter zur Verfügung stehen (Investitionsgüter). Kapital in diesem Sinnen bestimmt die Eignung anderer Elemente für die Erreichung eines Zwecks (1650). Die erste Erwähnung im Oxford English Dictionary von 1875 interpretiert Kapital als erstklassige Qualifikation in Referenz zu Schiffen, die für die Schlacht (ihren Zweck) gut geeignet sind. Über Kapitalgüter (capital goods) lesen wir etwas im Jahr 1899. Kapitalerträge werden 1921 zum ersten Mal erwähnt.

Kapitalbegriff und Wirtschaftslehre

Die Wirtschaftslehre als Einzelwissenschaft entstand vor etwas mehr als 200 Jahren. Mit Wirtschaft beschäftigte man sich aber schon viel früher, jedoch nicht als Einzelwissenschaft. Bis zum 17. Jahrhundert wurde Ökonomie nicht als separater Bereich gedacht, sondern als Komponente der gesamten gesellschaftlichen Basiseinheit, des Haushalts. Ökonomie und Ökologie haben den gleichen Wortstamm „oikos“ das Haus. So erfasst der Begriff die Welt als globalen Haushalt und den allgemeinen Umgang mit den Ressourcen. Diese Deutung geht auf die griechische Antike zurück.

Das Kapital in der Antike

Die antiken griechischen Philosophen waren stark in der Gemeinschaft aller freien Bürger innerhalb der Polis verankert. Daran und an der Vorstellung einer Einbindung des Menschen in einen harmonisch geordneten Kosmos orientierten sie ihr Nachdenken über das gute Leben. Die moderne, auf Freiheit ausgerichtete Perspektive des Individualismus war ihnen fremd. Bei Platon stand die Frage nach der richtigen Ordnung in der Gemeinschaft im Vordergrund, die er mit der Konzeption eines idealen Staates beantwortete. Die Rolle des Einzelnen war dabei kaum von Bedeutung. Die Verfassung des Eigentums war an die Struktur der gesellschaftlichen Ordnung gebunden. Gerechtigkeit entsteht in dieser Perspektive durch richtiges Handeln.

Der Kapitalbegriff bei Aristoteles

Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) beurteilte die Erziehbarkeit des Menschen skeptisch. Er versuchte, aus dem Gegebenen rechte Strukturen und Regeln zu entwickeln, die allgemein verbindlich werden sollen. Eigentum war demnach eine Frage des zweckmäßigen, auf Vernunft beruhenden menschlichen Denkens und Handelns Er unterschied die Haushaltung der Haushaltsgemeinschaft (oikonomia) vom Handel oder Gelderwerb (Chrematistik). Er befasste sich mit Fragen der Entstehung des Reichtums und des Wertes. Er bereitete die Unterscheidung in Gebrauchs- und Tauschwert vor und beschäftigte sich im Rahmen seiner Gesellschaftslehre mit der Einteilung der Gesellschaft in unterschiedliche Klassen. In der Eigentumslehre betonte er die Vorteile von privatem Eigentum gegenüber öffentlichem Eigentum. Im ursprünglichen Oikos war Eigentum nicht erforderlich. Erst als es durch ein Anwachsen der Bevölkerung zu Spezialisierungen kam, entstand der Austausch zwischen den Haushalten. In Dorfgemeinschaften und in der Polis war individuelles Eigentum dem gemeinschaftlichen Eigentum vorzuziehen, weil persönliches Eigentum eine „größere Sorgfalt“ gegenüber den Sachen bewirkt. Zum zweiten entspricht Privateigentum dem Prinzip der Leistung. Des Weiteren regelt Eigentum eindeutig die Zuständigkeiten, so dass Streit vermieden werden kann. Persönliches Eigentum dient dem Genuss in der Gemeinschaft und war Voraussetzung für die Tugend der Freizügigkeit. Gemeineigentum war deshalb nur dort sinnvoll, wo es auch gemeinschaftlich genutzt wird und einer gemeinsamen Finanzierung bedarf.

Der römische Kapitalbegriff

Im römischen Reich setze Cicero sich mit der Begründung von Eigentum auseinander. Für ihn entsteht Privateigentum ursprünglich durch Okkupation: „Es gibt aber kein Privateigentum durch die Natur, sondern entweder durch die frühere Inbesitznahme (wie bei denen, die einst in unbesetzte Gebiete kamen) oder durch Sieg (wie bei denen, die sich dessen im Krieg bemächtigten) oder durch Gesetz, Verabredung, Vertrag oder Los“. Das Land der eroberten Provinzen betrachteten die Römer als Eigentum des römischen Volkes und begründeten hiermit das Recht auf eine Bodensteuer (Tribut). Die Römer kannten bereits ein Immissionsverbot (siehe § 906 BGB), d. h. jemand konnte sein Grundstück nicht beliebig nutzen, wenn er damit den Besitz anderer beeinträchtigte, z. B. durch Entwässerungsgräben, deren Wasser auf fremden Grund abfloss.

Eigentum und Kapital im Judentum (Patristik)

In der Jerusalemer Urgemeinde wurde laut Apostelgeschichte 2 und 4 Eigentum zugunsten einer Gütergemeinschaft aufgegeben. Als sich jedoch die Naherwartung der christlichen Wiederkunft nicht bewahrheitete, entstand in den frühchristlichen Gemeinden wieder Eigentum. Allerdings entwickelte sich in der Patristik eine neue Sicht auf das Eigentum durch die Verbreitung christlich-jüdischer Gedanken, nach denen das Naturrecht mit dem göttlichen Recht gleichzusetzen ist. Im Alten Testament wird das Land dem Menschen zur Verwaltung übergeben – es bleibt aber im Eigentum Gottes.

Die Germanische Deutung des Kapitals

Bei den Germanen im Mittelalter hatte sich der Stand der Wehrbauern und das Institut der Allmende entwickelt. Diese Struktur wurde im frühen Mittelalter zur Zeit des Karolinger-Reichs durch die Herausbildung des Ritterstandes abgelöst, durch den eine zentrale Herrschaft besser zu sichern war. Die mittelalterliche Eigentumsstruktur war geprägt durch Grundherrschaften, die entweder als Lehen (von Landesherren verliehenes Nutzungsrecht) oder weniger verbreitet als Allodien (vererbbares Eigentum) bestanden. Grundbesitz in den Städten, aber auch der zum Teil sehr große Grundbesitz der Klöster war zumeist Eigentum (Allod). Die Landwirtschaft war in der Regel autark. Es gab freie und unfreie Bauern. Die Masse des Volkes lebte als Knechte oder Tagelöhner.

Der Kapitalbegriff bei Thomas von Aquin

Auch Thomas von Aquin (1225-1274) beschäftigte sich intensiv mit Wirtschaftsfragen. Er plädierte für gerechten Lohn und Preis, war für ein Zinsverbot (Wucher) und setzte sich für die Unterstützung der Armen ein. Aus diesem Grund gilt er als ein Begründer der katholischen Soziallehre. Er hat keine eigene Eigentumstheorie entwickelt, sondern sich in seiner Summa Theologica mit dem Thema im Rahmen der Frage nach Recht und Gerechtigkeit befasst. Dabei nahm er eine vermittelnde Position zwischen der Lehre des Aristoteles und den Auffassungen der Patristik ein. Demnach ist Eigentum nicht durch Naturrecht zu begründen: „Alles, was gegen das Naturrecht ist, ist unerlaubt. Nach dem Naturrecht aber sind alle Dinge Gemeinbesitz und diesem Verständnis widerspricht der Eigenbesitz. Also sei es dem Menschen nicht erlaubt, sich eine „äußere Sache anzueignen.“ Dann führt Thomas jedoch durch die Hintertür doch die Legitimation von Privateigentum ein. Er leitet es aus dem sogenannten Vernunftrecht ab: „Deshalb ist der Eigenbesitz nicht gegen das Naturrecht, sondern wird dem Naturrecht hinzugefügt auf Grund der Findung durch die menschliche Vernunft.“ Thomas nannte drei Vernunftgründe für das Eigentum, die sich schon bei Aristoteles finden: Zum einen führt Eigentum zu einer höheren Sorgfalt gegenüber den Dingen/Sachen. Zum zweiten regelt Eigentum eindeutig die Zuständigkeiten. Und schließlich gewährleistet eine Eigentumsordnung Rechtssicherheit. Da Eigentum dem Naturrecht nach göttlich ist, ist das irdische Eigentum dem Gemeinwohl verpflichtet. und es besteht eine strenge Pflicht zum Geben von Almosen. Die menschliche Not hat Vorrang vor dem Eigentumsrecht

Man war sich einig über das christliche Gebot der Sozialpflichtigkeit des Eigentums und forderte Freigebigkeit gegenüber den Armen. In der spanischen Spätscholastik setzte sich die Schule von Salamanca besonders mit Fragen der zu dieser Zeit blühenden Wirtschaft auseinander.

Die Bedeutung des Kapitals im Merkantilismus

Das im Spätmittelalter einsetzende Wachstum der Städte, die zunehmende Zahl der Universitätsgründungen, die Erfindung des Buchdrucks, die Entdeckung Amerikas, Renaissance und Humanismus kennzeichnen strukturelle Veränderungen der Gesellschaft zu Beginn der Frühen Neuzeit. Das Denken wurde säkularer, die Kirche wehrte sich mit der Inquisition, musste aber durch die Reformation, die Entwicklung der Naturwissenschaften und die Herausbildung der Nationalstaaten ihren Machtverlust hinnehmen. Die dominierende Herrschaftsform im 17. und 18. Jahrhundert war der Absolutismus. Die Subsistenzwirtschaft begann sich aufzulösen.

Der Begriff Merkantilismus stammt von Adam Smith. Er bezeichnete damit eine wirtschaftspolitische Ideenrichtung, die von Fürsten und leitenden Staatsbeamten vertreten wurde und vom 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts wirksam war. Unter Merkantilismus wird kein geschlossenes theoretisches System verstanden, sondern ein Bündel von wirtschaftspolitischen Maßnahmen, mit der der Staat seine eigene nationale Macht durch den Schutz von Wirtschaftsinteressen sichert. Dabei entwickelten die einzelnen europäischen Länder sehr unterschiedliche Spielarten ihre Unternehmen zu begünstigen. Gemeinsam ist ihnen der massive Staatsinterventionismus (Einfuhrverbote und Schutzzolle, Privilegien und Subventionen) zur Protektion nationaler Interessen.

Die historischen Hintergründe dieser Zeit sind die starke Ausweitung des Welthandels, die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien. Große Mengen Gold und Silber strömen nach Europa. Die europäischen Staaten kämpfen untereinander um Kolonien. Staaten brauchen Geld für Streitkräfte. Die Nationalstaaten Frankreich und England bilden sich. Im Merkantilismus betreiben die Staaten eine aktive Bevölkerungspolitik. Man erkannte, dass ein hohes Angebot an Arbeitskräften Druck auf die Löhne ausübt und die Nachfrage nach Produkten von der Bevölkerungszahl abhängt. Daher wurden Strategien zur Ankurbelung des Bevölkerungswachstums entwickelt. Allerdings bestand zum damaligen Zeitpunkt noch ein sehr enger Zusammenhang zwischen Agrarkonjunktur und der demografischen Entwicklung. Getreideknappheit führte zu hohen Brotpreisen und in unmittelbarer Folge zu einer erhöhten Mortalitätsrate und verringerter Fertilität. Der Merkantilismus ist einerseits vom kolonialen System und andererseits von der Herausbildung der Nationalstaaten geprägt. Dabei zeigt sich deutlich, dass eine Wirtschaftslehre mit dem Umfeld – den ökonomischen und politischen Interessen – verbunden ist. Der Staat erkennt das Kapital der Menschen als Wirtschaftsfaktor, der staatliche Machtbestrebungen begünstigt.

Kapital und Physiokratie

Das Wirtschaftsmodell der Physiokratie im 17. – 18. Jahrhundert gilt als erstes theoretisches System der Volkswirtschaftslehre. Es ist als Reaktion auf den Staatsinterventionismus des Merkantilismus entstanden. Die Wirtschaft wurde als geordnetes System gesehen, das analog der Natur aufgebaut ist und dass der „Herrschaft der Natur“ entspricht. Intellektueller Hintergrund des Gedankenguts in der Aufklärung war die Suche nach Gesetzmäßigkeiten – den „Naturgesetzen“ und nach einem bestimmten Menschenbild – dem „Individuum“. Das Individuum wird als ein rationell handelndes, selbst bestimmtes Wesen mit eigennützigen Interessen und dem Recht auf Freiheit entworfen. Die Natur – im Sinne von Grund und Boden – wird als Kapital und einzige Quelle des Reichtums betrachtet. Nur die Landwirtschaft kann daher Werte schaffen. Da Grund und Boden so eine große Bedeutung haben, wird z.B. in Frankreich eine Grundsteuer eingeführt. Den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital kommt allerdings keine „produktive“ (wertschöpfende) Qualität zu.

Da die Wirtschaft auf einer natürlichen Ordnung beruht, werden alle Eingriffe des Staates in diesen natürlichen Wirtschaftsablauf abgelehnt. Nicht der Außenhandel eines Landes ist von vorrangiger Bedeutung, sondern die innere Wirtschaft und konkret eine effiziente und auf großen Gütern organisierte Landwirtschaft machen ein Land reich (Hauptvertreter: François Quesnay)

Kapital in der Klassischen Wirtschaftstheorie

Die „klassische“ und ab 1870 die „neoklassische“ ökonomische Theorie prägen bis heute die Grundannahmen der Volks- (Makroökonomik) und Betriebswirtschaftslehre (Mikroökonomik). Als Begründer der Klassischen Nationalökonomie gelten neben anderen Adam Smith und David Ricardo. Ihre Werke waren für die damalige Zeit ausgesprochen visionär. Sie sind sowohl für Neoklassiker als auch für die Marxisten, die ganz entgegengesetzte Theorien entwickelt haben, von grundlegender Bedeutung. Für die Ökonomische Anthropologie sind sie wichtig, um die Konzepte der Formalisten und Marxisten sowie deren Auseinandersetzungen zu verstehen.

Die Zeit zwischen 1770 und 1830 wird als die Phase der „enclosures“, der Einfriedungen, bezeichnet. Sie ist in England nach etwa drei Jahrhunderten Auseinandersetzung zwischen Lords/Grundherrn und Bauern abgeschlossen. Das Gemeindeland, das zuvor gewohnheitsrechtlich allen zur Nutzung zur Verfügung stand, wurde zum Privateigentum weniger. Die Mehrheit der Landbevölkerung wurde dadurch ihrer Ackerflächen, ihrer Produktionsmittel, beraubt: „Die Einfriedungen sind zutreffend als eine Revolution der Reichen gegen die Armen bezeichnet worden“ urteilt der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1979).

Am Vorabend der französischen Revolution und 1789 zeigen sich anbrechende Freiheitsbestrebungen. Das Bürgertum beginnt sich gegen den Adel zu formieren.

Während der Aufklärung zeigen sich bahnbrechende Erfindungen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Die Industrialisierung in England beginnt. Sie wird von Eric Wolf auf etwa 1780 datiert (erste maschinelle Spinnereien und Webereien mit Dampfantrieb). Die Agrarquote in Europa lag um 1800 durchschnittlich noch bei 80 %. Josef II. führt in Österreich die 4-Felderwirtschaft und den Kleeanbau ein, die zu einer Vervielfachung des Bodenertrags führt. Das Institut der Leibeigenschaft ist durchwegs aber noch in Kraft. In den meisten europäischen Ländern darf die Landbevölkerung die Grenzen ihrer Gemeinden nur mit Zustimmung der Grundherrschaft verlassen.

Das Bevölkerungswachstum beginnt rapide zu steigen. Die Kartoffel wird aus Amerika importiert und beginnt ihre Verwandlung von einer Schnittblume in Klostergärten zu einer effizienten Nahrungsquelle. Es existiert noch keine Arbeiterklasse im Sinne einer größeren Gruppe von Menschen, die ihre Arbeitskraft gegen einen Geld-Lohn verkauft. Die Landarmut ist in manchen Gebieten extrem. Um 1817 ist die englische Arbeiterklasse bereits in aller Munde. Aus kleinen Städtchen wurden riesige Industrieslums, der Kampf um den 13 Stundentag beginnt, erste Streiks lösen die alte Maschinenstürmerei in England ab. 1835 markiert den Beginn der Eisenbahnzeit. Man war davon überzeugt, dass das Maximum an Geschwindigkeit, das ein Transportmittel wie die Eisenbahn über längere Strecken im Durchschnitt je erreichen wird, bei 30 km/h liegt. Die Industrialisierung wird als ungeheurer Prozess der Beschleunigung beschrieben.

Das Kapital bei Adam Smith

Adam Smith (1723 – 1790) Moralphilosoph aus Glasgow schreibt 1776 sein Hauptwerk: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Ausgangspunkt für Smith waren die Merkantilisten und Physiokraten. Von den drei Produktionsfaktoren – Arbeit, Grund und Boden, Kapital – ist die Arbeit für Smith die wesentlichste Quelle des Volkswohlstandes (Ausbau des Arbeitsbegriffes durch Marx). Er sieht auch die Wichtigkeit der Kapitalbildung und die Vorteile der Arbeitsteilung. Smith präsentiert zwei Werttheorien, die er nicht zueinander in Bezug setzt:

a) Smith sieht die Arbeit als Quelle allen Reichtums. Der „natürliche“ oder „reale“ Wert eines Guts resultiert aus der zur Produktion erforderlichen Arbeit. Er ist „etwas dem Materiellen durch Bearbeitung Hinzugefügtes“. Dieser Ansatz wird „Arbeitswertlehre“ oder „objektive Werttheorie“ genannt. Nach Smith ist die Arbeit aber nur in so genannten „primitiven“ Gesellschaften der Maßstab für den Wert.

b) In „zivilisierten“ Gesellschaften wird der Preis über den Austausch bestimmt, d.h. über das freie Spiel der Kräfte zwischen Angebot und Nachfrage. Diese „Preistheorie des Werts“ oder „subjektive Wertlehre“ geht von der Wertentstehung durch die subjektive Nützlichkeit aus, die ein Gut für ein Individuum hat.

Seine berühmteste Ausformulierung finden diese zwei Werttheorien im so genannten „Wasser-Diamanten-Paradoxon“:

„The word value, it is to be observed. It has two different meanings, and sometimes expresses the utility of some particular object, and sometimes the power of purchasing other goods which the possession of that object conveys. The one may be called ‘value in use’; the other ‘value in exchange’“. The things which have the greatest value in use have frequently little or no value in exchange; and, on the contrary, those which have the greatest value in exchange have frequently little or no value in use. Nothing is more useful than water: but it will purchase scarce anything; scarce anything can be had in exchange for it. A diamond, on the contrary, has scarce any value in use; but a very great quantity of other goods may frequently be had in exchange for it.“ (Smith 1776, S. 28)

In ökonomischen Standardlehrbüchern wird häufig darauf hingewiesen, dass Adam Smith diese zwei Werttheorien noch nicht zueinander in Bezug setzen konnte und dass erst die neoklassische Grenznutzentheorie Smith’s berühmtes Wasser-Diamanten-Paradoxon gelöst hätte. Dem wird jedoch zunehmend widersprochen. Adam Smith war Professor für Moralphilosophie, Ökonomie war für ihn ein Teilgebiet der Ethik. Er interessierte sich daher für den „gerechten Preis“ eines Guts (David Graeber 2005, 440ff), den „gerechten Lohn“ und das Verhältnis zwischen Arm und Reich (Birger Priddat 2002, 39ff), wobei es im Ziel um die Anhebung des allgemeinen Wohlstands, insbesondere der Armen ging.

Smith’s homo oeconomicus als wirtschaftender Akteur

Adam Smith in der Sphäre der Wirtschaft ein allzeit rational kalkulierendes Individuum voraus, das seinen maximalen Nutzen zu finden sucht. Das Rationalitätsprinzip (Wirtschaftlichkeitsprinzip) kommt aus dem Denken der Aufklärung. Die Hauptmotivation des homo oeconomicus ist der Eigennutzen. Dieser ist der zentrale Antrieb des wirtschaftlichen Prozesses. Das Interagieren der rationalen Individuen findet am Markt statt. Die nach Eigennutz strebenden Marktteilnehmer wollen mit minimalem Aufwand maximale Bedürfnisbefriedigung erreichen. Eigennutz ist auch die Triebfeder für freien Wettbewerb. Es geht um die Zuteilung knapper Mittel zum optimalen Erreichen gesetzter Zwecke. Nach Auffassung der Klassiker steht der Natur des Menschen die Natur der Dinge gegenüber. Die Natur des Menschen ist bestimmt durch ständige Bedürfnisexpansion. Auslöser ist der Sexualtrieb und die Tendenz zur Vermehrung bei Verbesserung der Lebensverhältnisse. Die Natur der Dinge ist die Gegenkraft zur Natur des Menschen; Die natürlichen Ressourcen sind begrenzt. Man spricht vom „Geiz der Natur“ und der Knappheit der Mittel und Dinge.

Der Gegensatz zwischen der Natur der Menschen (Expansion des Bedarfs) und jener der Dinge (Knappheit) bedingt den Wettbewerb der Menschen um knappe Ressourcen, der aber nicht anarchisch verlaufen soll, sondern durch Institutionen und Moral (Staat und Kirche als Schiedsrichter) geregelt werden muss. Aus diesem Gegensatz ergibt sich auch das „Gesetz“ von Angebot und Nachfrage, das wie eine unsichtbare Hand wirkt und über den Preismechanismus das Marktgeschehen (Angebot und Nachfrage) bestimmt. Bei einem Überangebot sinken die Preise und als Folge wird die Produktion verlagert oder aufgegeben. Wenn der Nachfrage kein entsprechendes Angebot mehr gegenübersteht, steigen die Preise, neue Produzenten steigen ein und der Kreislauf beginnt von vorne. Der Markt wird in diesem Sinne als eine sich selbst regulierende Institution angesehen, das den Individuen und der Gemeinschaft zum Guten dient. Aus dem Ausbalancieren zwischen Angebot und Nachfrage ergibt sich der perfekte Preis. Und so wird aus dem Eigennutzen des Einzelnen das maximale Wohl aller (Adam Smith’s Wealth of Nations, 1776).

Kapital bei Ricardo

David Ricardo (1772 – 1817), ein Londoner Bankier und Parlamentarier schrieb 1817 sein Hauptwerk „On the Principles of Political Economy and Taxation.“ Er formalisierte die Ideen und Gedanken von Adam Smith und entwickelte sie zu einem geschlossenen Gesamtsystem. Er betont die Notwendigkeit von Investitionen und dass das Risiko dafür nur von Kapitalisten (Eigentümern) eingegangen würde, die sich davon einen Gewinn im Eigeninteresse versprechen. Er weist darauf hin, dass Lohnsteigerungen auch für Kapitalisten interessant sind, weil diese zu einer Erhöhung der Nachfrage und in der Folge zu einer Erhöhung des Absatzes ihrer Produkte führe. Daraus ergebe sich wiederum die Chance zur Steigerung ihres Gewinns.

Das Kapital nach Karl Marx

Adam Smith und Ricardo sind für mehrere Theorierichtungen von grundlegender Bedeutung. An die Theorie der individuellen Entscheidung (subjektive Werttheorie) hat ab den 1870er Jahren die Neoklassik angeschlossen. Auf die Arbeitswertlehre und die Bedeutung der ökonomischen Klassen im Sinne einer Kapital Arbeit Differenz hat Karl Marx aufgebaut. Marx versucht Smiths Theorie der Arbeitsteilung und damit der modernen Gesellschaft zugleich zu überwinden und weiterzuentwickeln.

Smith, so Marx, „kennt nur die funktionale, horizontale Arbeitsteilung“ – also die zwischen Drahtzieher und Drahtschneider – oder gibt vor, nur diese zu kennen, und vergisst oder verschweigt die „Arbeitsteilung“ zwischen Kapital und Arbeit, die in Wahrheit, so Marx, ein Klassen- und damit Machtverhältnis ist. Indem Smith diese Herrschaftsverhältnisse unberücksichtigt lässt, kann er die moderne Welt effizienztheoretisch, als Ergebnis freiwilliger gemeinsamer Rationalisierungsanstrengungen erklären. Die Smith‘sche Fabrik – so Marx – scheint zu entstehen, indem ihre zehn Arbeiter sich einigen, die Produktion von Stecknadeln in achtzehn Tätigkeiten aufzugliedern – aber davon, dass sie gleichzeitig vereinbaren müssten, von nun an ihren Lebensunterhalt statt mit jeweils eigenen, individuellen Werkzeugen mit einem integrierten Gesamtwerkzeug, der Fabrik, zu verdienen, das ihnen ein unsichtbarer Elfter als seinen Beitrag zur arbeitsteiligen Wohlstandserzeugung zur Verfügung stellt, davon ist nicht die Rede. So schleicht sich hinterrücks die soziale Figur des „Kapitalisten“ in die Theorie ein, der die arbeitsteilige Produktion organisiert und auf die Einhaltung des Zwölfstundentags achtet, während die Arbeiter sich, damit alles gut funktioniert, dessen Direktionsgewalt unterwerfen.

Freie Individuen mit freiem Willen und klarem Verstand versammeln sich vor einer tabula rasa und vereinbaren vertraglich die zweckmäßigste aller möglichen Ordnungen ihres Zusammenlebens, die zufällig immer dem Idealbild des im Entstehen begriffenen liberalen Kapitalismus ähneln. Für solche Sozialvertragsnarrative hatte Marx nur Spott übrig. Gesellschaften entstehen bei ihm immer nur aus Gesellschaften und nicht auf einem Reißbrett, auch nicht in einem modelltheoretischen Niemandsland, sondern innerhalb einer bestehenden, historisch und geografisch konkreten Vorgängergesellschaft sowie der von ihr gezogenen Grenze.

Literatur: Die Sozialphilosophie von Adam Smith: Die Theorie der ethischen Gefühle (The Theoryof Moral Sentiments) [Literatur: Andrew Skinner: A System of Social Science – Papers Relating to Adam Smith. Oxford (Clarendon) 1979, vor allem pp. 42-67 und 104-129; Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, dtv-Taschenbuch, Einleitung von H.C. Recktenwald.

Kapital und Ethik

Ethik des Kapitals bei Adam Smith: Das gute Handeln (propriety)

Wir sind immer noch bei der Frage des Kapitals und seinem Deutungsinhalt. Kapital schöpfen heißt „gut“ ressourcenschöpfend und achtsam damit umzugehen. Adam Smiths Sozialphilosophie geht in seinem Denken immer vom Individuum aus. Das Soziale kommt bei ihm erst durch eine Interaktion von Individuen (Tausch, Verträge allgemein, Bildung von Gruppen und Vereinen z.B.) zustande. Sein Ausgangspunkt ist also nicht die Gesellschaft und ihre Klassen-Struktur wie bei Marx, sondern das Eigeninteresse des Individuums. Er legt seine Sozialethik in The Theory of Moral Sentiments (1759) dar, die dem berühmten Buch Wealth of the Nations vorausgeht. In der Theorie der ethischen Gefühle ist die Grundfrage: Wie soll sich der Einzelne seinen Mitmenschen gegenüber im Rahmen einer sozialen Beziehung (Tausch, Gruppe, Verein) verhalten. Adam Smith erarbeitet hier die Prinzipien für das geordnete Zusammenleben der Menschen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Smith geht von den Neigungen und Anlagen aus, die jeder Mensch besitzt. Zwei dieser Neigungen sind für das soziale Handeln besonders wichtig:

– das Eigeninteresse (self interest), das sich z.B. beim Tausch ausdrückt und

– das Mitgefühl (fellow feeling): das Interesse am Schicksal des Mitmenschen.

Beide Neigungen sind aus seiner Sicht entgegengesetzt. Zunehmendes Eigeninteresse ist verbunden mit einer Abnahme des Mitgefühls, und umgekehrt. Das Eigeninteresse ist vor allem auf wirtschaftlicher Ebene erforderlich, weil dieses den Einzelnen zur Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage anspornt. Jedoch darf sich das Eigeninteresse nicht ungehindert auswirken. Die Interessen der Mitmenschen dürfen nicht verletzt werden. Diese sozialen Schranken werden durch das Mitgefühl gesetzt. Die sozial richtige oder angemessene Mischung von Eigeninteresse und Mitgefühl nennt Adam Smith propriety (Schicklichkeit, Angemessenheit). Wird ‚propriety‘ realisiert, ergibt sich tugendhaftes, angemessenes und schickliches Handeln, vor allem in der Realisierung des Guten und Gerechten in allen Bereichen des Lebens. Würden alle Mitglieder einer Gesellschaft entlang den Erfordernissen der ‚propriety‘ handeln, ergäbe sich eine ideal funktionierende und harmonische Gesellschaft.

Für das wirtschaftliche Leben impliziert die ‚propriety‘, dass die Preise nicht nur von egoistischen, auf dem Eigeninteresse basierenden Elementen bestimmt werden (Nutzen- und Profitmaximierung) wie in der neoklassisch-liberalen Wirtschaftstheorie. Bei Adam Smith wirken auch ethische Faktoren auf die Preisbestimmung ein, also Faktoren, die mit dem Mitgefühl verbunden sind. Wenn etwa ein Güterpreis, z.B. der Weizenpreis, oder ein Lohnsatz unter das existenzsichernde Niveau absinkt, müssen nach Adam Smith außerökonomische ethische Kriterien herangezogen werden, um sozial angemessene Löhne und Preise zu garantieren. Hinter den Angebots- und Nachfragekurven stehen also nicht nur ökonomische Elemente im Zusammenhang mit der Nutzen- und Profitmaximierung, sondern auch ethische Faktoren. Jedoch scheint vollkommene Konkurrenz nach Adam Smith die ‚propriety‘ herbeizuführen. Der Preis, der sich bei vollkommener Konkurrenz ergibt, sei ein „gerechter“ Preis.

Tugendhaftes Handeln ergibt sich nach Adam Smith aufgrund der Entfaltung von natürlichen Anlagen. Im Gegensatz zu Hobbes impliziert dies, dass die Menschen im Prinzip, von Natur aus – gut und gerecht sind und, dass sie im Zusammenwirken mit anderen (z.B. mittels Diskussionen) eine unbegrenzte Erkenntnisfähigkeit haben. Dies ist ein weiteres Indiz für den Optimismus von Adam Smith. Smith wurde erst im Alter zum Pessimisten, was ihn veranlasste, sämtliche unvollendeten Manuskripte, die er noch in Arbeit hatte, verbrennen zu lassen.

Wie kann Smith’s ‚propriety‘ das Kapital zum Guten hinsteuern?

Um diese Frage zu beantworten, hat Adam Smith das Konzept des „unbeteiligten Zuschauers (Beobachters)“ (spectator) entwickelt. Er postuliert, dass jeder Mensch die Rolle eines „spectators“ einnehmen kann, um seine eigenen oder die Handlungen anderer zu beurteilen (spectator: Objektivität; Gewissen). Dies verlangt starke Selbstreflektion und Selbstbeherrschung. Immer wieder muss der einzelne sich vom alltäglichen Handeln lösen und die Rolle des ’spectators‘ einnehmen, um die moralische Qualität seines Handelns kühl und distanziert zu beurteilen. Diese harte Anforderung an den Menschen entspricht ganz Adam Smiths Charakter. Er hatte sich jederzeit vollständig in der Hand und strebte die bestmögliche Erfüllung seiner Pflichten an. Adam Smith hat jedoch eingesehen, dass viele Menschen die nötige Willensstärke, die die Rolle des ‚unbeteiligten Zuschauers‘ erfordert, nicht aufbringen können. Er hat sich deshalb gefragt, ob es Kräfte gebe, die den einzelnen zwingen würden, moralisch einwandfrei zu handeln.

Er führt u.a. mehrere solcher Kräfte auf. Zum Beispiel das Anerkennungsstreben: Jeder, der gemäss der ‚propriety‘ (sozial angemessen, moralisch richtig) handelt, erwirbt sich die Anerkennung seiner Mitmenschen. Dies führt zu einem Gefühl der Befriedigung und ist dadurch ein Ansporn moralisch richtig zu handeln. Das Anerkennungsstreben wird ergänzt durch moralische Regeln, deren Befolgung zu angemessenem Handeln führt. Diese entstehen im Zuge von Erfahrungen, die die Mitglieder der menschlichen Gesellschaft im Prozess des Zusammenlebens machen. Die moralischen Regeln vermitteln dem ’spectator‘ auch (objektive) Kenntnisse über die Natur des angemessenen Handelns, das für ihn als Individuum nicht ohne weiteres ersichtlich ist. Die Befolgung moralischer Regeln ist jedoch ein Akt der Freiwilligkeit. Sie sind ohne entsprechende Instanzen eines Rechtssystems nicht durchsetzbar. Adam Smith hält es deshalb für unabdinglich, bestimmte Verhaltensweisen unter Strafandrohung durchzusetzen. Im wirtschaftlichen Bereich betrifft dies vor allem der Schutz des Eigentums.

Ursprünglich, vor der Landnahme, gehört dem Arbeiter noch der ganze Ertrag der Arbeit. Er muss weder mit einem Grundbesitzer noch mit einem Unternehmer teilen. Aber dieser ursprüngliche Zustand konnte nur so lange andauern, wie der Boden frei und Kapital noch nicht angesammelt war. Sobald der Boden privates Eigentum wird, verlangt der Grundherr einen Teil von fast allen Erträgnissen, die der Arbeiter durch Anbau oder Sammeln darauf erzielen kann. Die Rente des Grundbesitzers schmälert deshalb als erstes den Ertrag der Arbeit, die zur Bestellung des Bodens eingesetzt wird.

Es kommt selten vor, dass derjenige, der Land als Bauer bestellt, alles besitzt, um bis zur Ernte ohne fremde Hilfe auszukommen. Im Allgemeinen wird sein Lebensunterhalt aus dem Kapital eines Unternehmers, des Pächters, der ihn beschäftigt, bestritten, welcher natürlich kein Interesse hätte, einen Arbeiter einzustellen, wenn er nicht am Ertrag der Arbeit beteiligt wäre oder das eingesetzte Kapital mit Gewinn zurückerhielte. Dieser Gewinn ist der zweite Abzug vom Ertrag der Landarbeit.

Auf diese Ausführungen stützte sich dann Karl Marx u.a., um die Abschaffung des Privateigentums zu begründen: Boden und Kapital sollte in der Form von Gemeineigentum den Produzenten gehören; damit würde der gesamte Arbeitsertrag der Arbeit zufallen.

Kapital als politisches Herrschaftsinstrument – Karl Marx

Karl Marx hat das Kapital als Herrschaft über die Produktionsbedingungen einer Gesellschaft bezeichnet. Seine Politische Ökonomie beschreibt die Kapitalisten als Klasse der Eigentümer der Produktionsmittel, die über die Klasse der Arbeiter oder Proletarier herrscht. Letztere sind gezwungen ihre Arbeitskraft zu verkaufen, weil sie zuvor von den Landbesitzern enteignet wurden. Der Arbeiter muss, da er keine Produktionsmittel besitzt, seine Arbeitskraft verkaufen, und zwar an die Kapitalisten, die die Produktionsmittel besitzen. Der Kapitalist will seine Waren nicht verkaufen, um andere Waren erwerben zu können, sondern um sein Geld zu vermehren. Marx bezeichnet „geldheckende Geld“ als Treiber des kapitalistischen Akkumulationsprozesses. Die steht im Zentrum seiner Gesellschaftskritik.

Das Kapitalverhältnis setzt die Scheidung zwischen Arbeitern und dem Eigentum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit voraus. Sobald die kapitalistische Produktion einmal auf eigenen Füßen steht, erhält sie nicht nur jene Scheidung, sondern reproduziert sie auf stets wachsender Stufenleiter. (MEW 23: 742).

Marx‘ Kapitaltheorie von der Klassengesellschaft

Marx zeigt, wie das Klassenverhältnis, das dem kapitalistischen Produktionsprozess zunächst vorausgesetzt war, aus diesem Prozess als dessen eigenes Resultat wieder hervorgeht, da die, die die Ware Arbeitskraft kaufen einen großen Teil des produzierten Mehrwerts wieder und wieder investieren (Marx nennt das Kapital „akkumulieren“) während jene, die ihre Arbeitskraft verkaufen in jeder neuen „Runde“ stets wieder nur ihre Arbeitskraft zu Verfügung haben: „Es ist nicht mehr der Zufall, welcher Kapitalist und Arbeiter als Käufer und Verkäufer auf dem Warenmarkt gegenüberstellt. Es ist die Zwickmühle des Prozesses selbst, die den einen stets als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf den Warenmarkt zurückschleudert und sein eignes Produkt stets in das Kaufmittel des andren verwandelt (…). Der kapitalistische Produktionsprozess im Zusammenhang betrachtet oder als Reproduktionsprozess, produziert also nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter.“ (MEW 23: 603f.)

Das Klassenverhältnis – also EigentümerInnen von Produktionsmitteln einerseits und besitzlose aber rechtlich freie LohnarbeiterInnen andererseits – ist keineswegs „natürlich“ gegeben, sondern vielmehr Produkt einer ganz bestimmten historischen Entwicklung, die Marx im 24. Kapitel des ersten Kapitalbandes unter dem Titel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ beschreibt. Er zeigt, dass das Zustandekommen dieses Verhältnisses nicht auf dem Fleiß, dem Geschick und der Sparsamkeit der ersten KapitalistInnen, sondern auf einem Prozess der Enteignung der ProduzentInnen von ihren Produktionsmitteln, in dem „Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle“ gespielt haben, beruht (MEW 23: 742). Im dritten Band des Kapitals, wo Marx den „Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion“ analysiert, zeigt er, dass sich Klassenzugehörigkeit keineswegs nur durch Eigentum oder Nicht-Eigentum von Produktionsmitteln definiert, sondern auch über die Stellung im Produktionsprozess. Auch ManagerInnen wären demnach KapitalistInnen, was am Beispiel der großen Aktiengesellschaften erläutert wird, die keinem einzelnen Eigentümer mehr gehören: „Die kapitalistische Produktion selbst hat es dahin gebracht, dass die Arbeit der Oberleitung, ganz getrennt vom Kapitaleigentum, auf der Straße herumläuft. Es ist daher nutzlos geworden, dass diese Arbeit der Oberleitung vom Kapitalisten ausgeübt werde.“ (MEW 25: 400)

So gesehen springt der Marx’sche Blickpunkt von einer strukturellen auf eine funktionale Position über. Gewisse Handlungslogiken entwickeln sich zwar entlang der Trennlinie von Eigentum und Nicht-Eigentum an Produktionsmitteln, aber die Wahl der Funktionsträger, für die sich diese Handlungslogik zu Rollenanweisungen verdichten, muss sich nicht zwangsläufig an diese Grenze halten. Anhand dieser Erläuterungen zeigt sich, dass Marx einen relationalen Klassenbegriff verwendet. Klassen lassen sich demnach nicht isoliert voneinander begreifen, sondern nur im Rahmen dieses systemimmanent reproduzierten Antagonismus. Ohne Proletariat keine Bourgeoisie – ohne Bourgeoisie kein Proletariat. Dies ist auch ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu Klassenbegriffen aus der weber‘schen Tradition.

Marx bezeichnet das Kapital als „kristallisierte Arbeit.“ Dabei nähert er sich schrittweise über die Begriffe der Ware, des Tauschwerts und des Gebrauchswerts seiner Arbeitswertlehre: Eine Ware, so Marx, ist so viel wert, wie die darin „geronnene“ Arbeitszeit. Geld und Ware in den Händen von Kapitalisten/Innen sind also nicht von vornherein Kapital (und Eigentümer/Innen von viel Geld sind nicht automatisch KapitalistInnen). Erst im Prozess der Aneignung des von den ArbeiterInnen geschaffenen Mehrwerts (was Marx als „Ausbeutung“ bezeichnet) durch jene, die die Ware Arbeitskraft eingekauft haben, vollzieht sich die in der berühmten Formel Geld-Ware-Geld’ dargestellte Verwandlung von Geld in Kapital. Die Ausbeutung ist die objektive Grundlage für die gegensätzlichen („objektiven“) Interessen von Kapitalisten und Arbeitern – die einen können ihren Anteil am Gesamtprodukt nur auf Kosten der anderen vergrößern. Mit der beschriebenen Polarisation des Warenmarkts sind die Ausgangsbedingungen der kapitalistischen Produktionsweise gegeben, mit der sich andere Soziologen in der Folge auseinandersetzen.

Eigentum und Kapital – Max Weber

Der Soziologe Max Weber beschreibt die protestantische Ethik als wichtige Triebkraft des Kapitalismus. Aus der Beobachtung, dass zu seiner Zeit protestantische geprägte Gebiete in Deutschland reicher waren als katholische, schließt Weber auf einen Zusammenhang zwischen Religion und Wirtschaftsentwicklung. Er kommt zu dem Schluss, dass besonders der puritanische Calvinismus mit seinem Askesegebot die Menschen zu konzentrierter Arbeit und zur Kapitalbildung (Sparsamkeit) angehalten habe. Die „protestantische Ethik“ bildet jedoch nur einen Teil der weber‘schen Religionssoziologie, da sich der Gelehrte auch mit anderen, vor allem asiatischen Glaubensrichtungen befasst hat.

Er definiert in dem Kapitel IV „Stände und Klassen“ seines Werkes „Wirtschaft und Gesellschaft“ zuerst den Begriff der „Klassenlage“. Diese soll 1. aus der Güterversorgung, 2. aus der äußeren Lebensstellung und 3. aus dem inneren Lebensschicksal hergeleitet werden. Sie definiert Maß und der Art der Verfügungsgewalt“ über Güter. (Weber, 1964, S. 177). Die Gemeinsamkeit aller Klassenlagen besteht immer aus „Besitz“ und „Besitzlosigkeit“. Eine „Klasse“ bezeichnet Weber als eine Gruppe von Menschen, welche sich in derselben Klassenlage befinden. Mit „Klassenlage und Klasse bezeichnet er an sich nur Tatbestände gleicher, ähnlicher oder typischer Interessenlagen, in denen der Einzelne sich ebenso wie zahlreiche andere befindet“ (Weber, 1964, S. 177). Max Weber unterteilt den Klassenbegriff in drei Kategorien, welche sich durch folgende Merkmale unterscheiden.

  • Die Besitzklasse ist die Gesellschaftsschicht, die sich durch Art und Ausmaß ihres Besitzes unterscheidet.

  • Die Erwerbsklasse bezeichnet die Menschen, die sich über ihre Chancen der zur Marktverwertung von Gütern oder Dienstleistungen unterscheiden und die Soziale Klasse.

  • Die soziale Klasse fasst verschiedene Klassenlagen in Kategorien zusammen, in welchen das Wechseln oder Übertreten von der einen Klassenlage zur Anderen leicht möglich ist und auch typischerweise passiert.

Kapital“ definiert Weber als „die zum Zwecke der Bilanzierung bei Kapitalrechnung festgestellte Geldschätzungssumme, der für die Zwecke des Unternehmens verfügbaren Erwerbsmittel, Gewinn bzw. Verlust der durch die Abschlussbilanz ermittelte Mehr- bzw. Minderbetrag der Schätzungssumme gegenüber derjenigen der Anfangsbilanz“ (Weber, 1964, S. 64). Diese Definition lässt nicht viel Platz für Interpretationen. Weber sieht Kapital ausschließlich als Einheit zur Bewertung von Vermögen. Dazu dient die Kapitalrechnung, welche ebenfalls die Kontrolle von Erwerbschancen und Erfolgen darstellt. Dabei bezieht sich Weber auf sämtliche Erwerbsgüter, egal ob in Natura oder in Geld Form (vgl. ebd.). Dieser auf den ökonomischen Bereich reduzierte Kapitalbegriff ist sehr lange unangefochten geblieben und hat den Diskurs der letzten Jahrzehnte dominiert.

Kapital als Bedingung des sozialen Status – Pierre Bourdieu

Der Soziologe Pierre Bourdieu setzt 1979 den Kapitalbegriff umfassender an. Er geht davon aus, dass in den modernen Industriegesellschaften die traditionelle Zugehörigkeit zu einer Klasse oder Schicht zwar noch existiert, dass sie aber nicht mehr nur durch die ökonomische Position eines Menschen gekennzeichnet sei. Soziale Ungleichheit entstehe nicht nur dadurch, dass manche viel und andere wenig haben. Er weist dies auch empirisch an zahlreichen Milieustudien nach.

Vier Kapitalsorten macht Bourdieu für die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen aus:

  • ökonomisches Kapital,

  • kulturelles Kapital,

  • soziales Kapital und

  • symbolisches Kapital.

Kapital kann dabei jeweils auch an Unterschiede in Geschmack und Lebensstil gebunden sein. Der springende Punkt ist, dass diese unterschiedlichen Kapitalformen miteinander korrespondieren können. So kann zum Beispiel ein Milliardär sein ökonomisches Kapital für Sponsoring und Charity-Projekte einsetzen, um damit symbolisches Kapital zu erwerben, das ihm in der Gesellschaft ein besseres Image verschafft. Ein Arbeiter oder Angestellter, der kulturelles Kapital besitzt, weil er zum Beispiel viel gelesen hat, eine Fremdsprache spricht, Abitur hat oder sich in Kunststilen auskennt, hat nach Bourdieu dadurch die Möglichkeit, seinen sozialen Status zumindest ein wenig zu verbessern.

In seinem Buch „Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns“, das 1994, acht Jahre vor seinem Tod, erschien, schreibt Bourdieu: „Ein Unterschied (…) wird nur dann zum sichtbaren, wahrnehmbaren, nicht indifferenten, sozial relevanten Unterschied, wenn er von jemandem wahrgenommen wird, der in der Lage ist, einen Unterschied zu machen – weil er selbst in den betreffenden Raum gehört (…) und weil er über die Wahrnehmungskategorien verfügt, die Klassifizierungsschemata, den Geschmack, die es ihm erlauben (…) zu unterscheiden – zwischen einem bunten Bildchen und einem Gemälde oder zwischen Van Gogh und Gauguin.“ (Zitat)

Hybrides Kapital: Die Verflüssigung von Klasse, Schicht und Milieu

Die soziale Welt hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten so stark verändert wie kaum zuvor in einem solchen Zeitraum. Seit dem Siegeszug von Globalisierung und Neoliberalismus haben sich stringente Schichten- oder Milieumodelle immer mehr aufgelöst. Heute existieren überall Hybridformen und Verflüssigungen von den hergebrachten Schichtenmodellen. Es gibt nichts Festes mehr, – weder in den Beziehungen der Menschen zueinander noch in den ökonomischen Verhältnissen. Wir leben in einer Welt, in der buchstäblich mit allem zu rechnen ist.

Heute herrscht der hybride Konsument vor. Der Banker kauft im gleichen Supermarkt wie der Sachbearbeiter seines Unternehmens. Denn – um in Bourdieus Schema des mehrdimensionalen Raumes zu bleiben – in der einen Ecke befindet sich das exquisite Charolais-Rind, in der anderen das tiefgefrorene Rumpsteak. Die Trennung zwischen oben und unten, ablesbar an den Gewohnheiten und Vorlieben, ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die sozialen Grenzen haben sich verschoben, die kulturellen ebenfalls.

1986 formulierte der Soziologe Ulrich Beck in seiner Arbeit „Die Risikogesellschaft“ seine Individualisierungsthese. Sie besagt, dass nicht mehr die Klassenzugehörigkeit über den beruflichen und kulturellen Werdegang entscheidet. Die traditionellen Einschließungen und Zuordnungen seien längst verschwunden. Oft würden wie ein Stein in einer sich bewegenden Schlammlawine beständig ihre Positionen wechseln. Flexibilität, individuelle Entscheidungen und Risikobereitschaft seien gefordert. Heute ist dieser Befund aktueller denn je. Für den neoliberalen Kapitalismus sind Akteure nutzlos, die nicht bereit sind, sofort von Berlin nach Lissabon umzuziehen oder sich mehrmals neu für eine Position zu qualifizieren.

Lebensstile ergeben sich nicht mehr aus der objektiven Lage im sozialen Gefüge. Stattdessen stehen Milieus gleichgültig und unbestimmt nebeneinander. Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht hier von einer „Multioptionsgesellschaft“. In ihr sind lange Bindungen an Lebenspartner, Wohngegenden oder politische Optionen nicht mehr vorhanden. Es gibt, so Liessmann, keine einheitlichen Milieus mehr und somit auch keine Einheit der Interessenlagen. Jugendlichen in der Ausbildung wird empfohlen, sich mit der Tatsache anzufreunden, dass sie in ihrem Leben mit einem Beruf nicht auskommen werden. Das ist auch möglich geworden, da es heute wesentlich einfacher ist, die Milieus zu wechseln. Spektakulär ist das nicht, es ist das Erfordernis eines wirtschaftlichen Systems, dass auf die optimale und vollständige Verwertbarkeit aller Ressourcen ausgerichtet ist.

Der kapitalisierte Mensch

Der Trend in der Arbeitswelt geht zur Hyperspezialisierung, Schätzungen zufolge existieren in Deutschland über 18.000 Studiengänge. Was heute die sichersten Aussichten auf einen lukrativen Job verspricht, kann bei Studierenden ein veritabler Flop sein. Universitäre Abschlüsse haben inflationäre Ausmaße angenommen, das Damoklesschwert „Arbeitswelt 4.0“ schwebt über jedem Studienanfänger, dessen Mittelstandsarbeitsplatz bereits überflüssig geworden sein könnte, bevor er die Universität verlässt.

Das Schreckensetikett „Prekariat“ droht dem per Zeitvertrag verpflichteten Universitätslehrer ebenso wie dem Architekten, der keine Aufträge mehr bekommt, weil die Kommunen Pleite gehen. Besonders bedrohlich stellt sich mittlerweile die Situation im Medienbereich dar. Private Sendeanstalten vergeben nur noch projektbezogene Honorarverträge. Scheitern Serie oder Spielshow, stehen auch Regisseure und Kameraleute auf der Straße.

In seiner 2016 erschienenen Studie „Die Abstiegsgesellschaft“ bezieht sich der Soziologe Oliver Nachtwey stellenweise auf Pierre Bourdieus Konzept der unterschiedlichen Kapitalformen, des Habitus und der feinen Unterschiede. Doch er erweitert es auch. Was die sozialen und ökonomischen Vertikalbewegungen heutzutage anbelangt, benutzt er eine erhellende Metapher, die der Rolltreppe:

Denn Auf- und Abstiege haben eine kollektive und eine individuelle Dimension. In (Ulrich) Becks Fahrstuhl fahren alle gemeinsam nach oben, auf der Rolltreppe hingegen können sich auch die Abstände zwischen den einzelnen Individuen verändern, wenn sie auf der fahrenden Rolltreppe nach unten oder oben steigen.“ (Zitat)

Pierre Bourdieu: The Forms of Capital. In: Richardson, John G. (Hg.): Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education. New York 1986, S. 241–258.

Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In: Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA, Hamburg 1992, ISBN 3-87975-605-8. S. 49–80.

Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. (französ. 1979), Frankfurt a. M. 1982. ISBN 3-51828-258-1

Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Reinhard Kreckel (Hg.), »Soziale Ungleichheiten« (Soziale Welt Sonderband 2), Göttingen 1983, S. 183–198

Kunst = Kapital Joseph Beuys

Joseph Beuys prägt in den 1980er Jahren einen Kapitalbegriff, der sich von einem erweiterten Kunstbegriff ausgehend, auf das gesamte kreative Potential von Menschheit und Natur bezieht. Kreativität bezeichnet Beuys als unser eigenes, in uns selbst gründendes Vermögen in Bezug auf die Gestaltung der Erde. Beuys betrachtet Begriffe als Endpunkt einer Aktion. Es wird etwas gemacht, es entsteht etwas, eins baut auf dem anderen auf, kommt zu einem Ergebnis und – die Aktion gipfelt in einen Begriff. Der Endpunkt ist zugleich der Ausgangspunkt für eine neue Aktion. Dabei wird auf Form-, Fähigkeits- und Willenspotentiale zurückgegriffen. Im Prozess der Heranbildung der Fähigkeiten werden neue Potentiale erkannt, ausgebildet und auf diese Weise erweitert sich die Form. Der Wille im Hinblick auf die Form konkretisiert sich und erkennt die bisher noch nicht berücksichtigten Aspekte des Ganzen. Auf diese Weise schöpft und bildet Kreativität neues Kapital. Diese Kapitalbildung im Hinblick auf die Gestaltung der Erde unter Beteiligung aller Menschen nennt Beuys Soziale Skulptur.

„…Ich behaupte, dass dieser Begriff Soziale Skulptur eine völlig neue Kategorie der Kunst ist. Die neue Muse tritt den alten Musen gegenüber auf. Diese Muse war vorher gar nicht bekannt, und weil sie nicht bekannt war, ist es zu den bekannten Denkirrtümern gekommen, d.h. jetzt ist die Lage kritisch geworden, dass sich wirklich einige Geister auf den Weg gemacht haben, diese Muse zu entdecken. Sie trägt den zukünftigen Begriff von Plastik, der vor jedem anderen Begriff von Plastik Vorrang hat. Ich schreie sogar: Es wird keine brauchbare Plastik mehr hienieden geben, wenn dieser Soziale Organismus als Lebewesen nicht da ist. Das ist die Idee des Gesamtkunstwerks, in dem jeder Mensch ein Künstler ist …“ (Zitiert aus: Zeitstau, Johannes Stüttgen, Stuttgart 1988, S. 39).

Die Soziale Plastik ist eine neue Kategorie der Kunst. Plastik meint ein geistiges Wesen als höchstes Wesen überhaupt, dass jedoch zunächst nicht sichtbar ist. Dieses Wesen war vorher nicht bekannt. Der Begriff Plastik wird als verdichtete Zeitsubstanz zwischen 2 Polen bezeichnet. Der erste Pol ist die Form oder Idee, der zweite Pol ist die reine Potenz. Letztere wird (J. Stüttgen) beschrieben als „Energie oder Kraft, die als Potenz in jedem Menschen vorhanden ist.“

Zwischen diesen beiden Polen taucht das Element der Bewegung auf. Jedes der 3 Wesensmerkmale bezeichnet eine besondere Position des Menschen: Erstens der Mensch als Künstler, der in der zukünftigen Sozialen Plastik selbstbestimmt produzieren und leben kann, zweitens der Künstler, der diese Plastik erst errichten will und drittens der Künstler, der die richtigen Schritte dahin macht und weiß, wo es langgeht, der also, die Methode kennt (J. Stüttgen ebenda, S. 41).“

Der Erscheinungsort dieser Plastik, in deren Mitte der Mensch erscheint, ist der Mensch selbst. Beuys sagt an anderer Stelle: „Der Mensch ist gar kein Erdenwesen. Er ist für diese irdischen Verhältnisse partout gar nicht gemacht. Er ist nur ein Teil auf dieser Erde, um etwas ganz Bestimmtes zu erarbeiten, was dann in einer weiteren Evolution darüber hinaus ausgreift. Er wird auch nicht ewig auf dieser Erde leben. Er wird eines Tages vielleicht auf einem anderen Planeten leben. Unter anderen Verhältnissen, nicht mehr mit dieser Art von Körper. Das sind alles Dinge, die mit dem Begriff der Sozialen Plastik insofern zusammenhängen, weil Plastik den genetischen Ursprungspunkt bezeichnet. Er bezeichnet einen Ort bzw. Zustand, in dem der Mensch nicht abhängig ist von seiner äußeren Objektwelt, also seiner Umwelt, sondern ganz abhängig ist aufgrund seines Denkens und seines Freiheitsbegriffs.

Wenn Beuys vom Denken spricht, redet er nicht von Gehirntätigkeit, sondern von einem plastischen Vorgang, dessen Ausgangspunkt das Denken selbst ist. Das Denken wird also schon als Plastik bezeichnet. Weil das Denken nicht auf etwas Weiteres zurückgeführt werden kann, weil es nicht abhängig ist von der äußeren Objektwelt. Da wo das Denken entsteht, ist kein einziges Objekt in der Außenwelt beim Menschen vorhanden. Da wo das Denken sich bestätigt, bin ich nicht konfrontiert mit einer Sache, die mich von außen beeinflusst. Denn da wo das Denken ist, kann nichts anderes stattfinden. Das kann nur in mir selbst sein. Es kann sozusagen nur von einem Kreationspunkt ganz neu in die Welt hineinkommen… (Gespräch mit Robert Filliou: Lehren und Lernen als Ausführungskünste, Köln 1970, S. 160 ff.).“ Beuys nennt das Kreations- oder Ursprungspunkt, aus dem alles hervorgeht. Es ist die Quelle, aus der alles entsteht. Es ist das Kapital (der Kopf, das Denken, die Idee), aus der alle anderen Kapitalien hervorgehen, die die Soziale Plastik formen.

Wer die Freiheitsidee wirklich auf die Erde bringen und nicht nur für die eigene Person reklamieren will, muss sie dem Denken aussetzen und aus ihr die adäquate Form ableiten, deren Stimmigkeit bis ins kleinste Detail nachvollziehbar ist – wie bei einer Skulptur (J. Stüttgen ebenda, S. 45).

Die Idee kommt nicht von den Dingen. Je stärker uns die Dinge anziehen, entziehen sie sich der Antwort. Es geht nicht darum, die Dinge richtig zu interpretieren, um die Idee zu bekommen. Die Dinge lehnen die Antwort ab. Aber sie intensivieren die Frage. Jetzt sind wir im Bann der Dinge, aber zugleich auch im Bann der Frage nach der Idee ihrer Kraft. Wir sind also in einem doppelten Bann. Und die Frage nach der Idee der Kraft ist, eine Schicht tiefer, die Frage nach der Idee – die, weil sie nicht beantwortet wird, selbst zur Kraft wird. Diese Kraft bezeichnet Beuys als Logik, die als plastische Kraft wirkt und die als Form-Pol im Gedanklich-Begrifflichen auftritt. Dieser Form-Pol muss vom Bild in den Willens-Pol (Denken=Plastik) umgepolt werden. Stoff und Idee konstituieren im leeren Frageort mitten im Menschen ein Kraftfeld und bilden Substanz. Kunst=Kapital.

Beuys wollte Kapital nicht nur kritisch sehen, sondern es umdenken. In seiner Rauminstallation aus dem Jahr 1980 stehen wir vor 50 mit Kreide beschriebenen Schiefertafeln, einem Klavier, an dem eine Axt lehnt, Filmprojektoren, Zinkwanne, Gießkanne, Leiter, Fett. Beuys selbst hat diese Arbeit als „Ankerungsplätze“ oder „Bodenstationen“ für die Soziale Skulptur bezeichnet. Sie sind Fixpunkte auf der Erde, in Raum und Zeit, an denen etwas Zukünftiges festgehalten wird – „Gegenraum“, „Überzeit“ – Schwellenposten. Sie haben Auslöserfunktion. Die dargebotenen Gegenstände entziehen sich den eingefahrenen Mustern von dem, was man im sozialökonomischen Sinne an Vorstellungsinhalten unter dem Begriff Kapital subsumiert. Man wird von den Gegenständen zurückgewiesen. So gelingt es die Seele aus der alten Vorstellungshülle herauszuholen. In die auf die Seele zurückgeworfene Vorstellung wird ein Loch gerissen. Die Seele wird durch die plastische Ladung des Raumes (außen) und das Denken (innen) umproportioniert – sie wird zu einem plastischen Feld. Mir wird etwas Vertrautes entnommen, was von dem Raum vereinnahmt wird. Der Raum verschließt mir den vertrauten Umgang mit den Dingen und Begriffen. Der Raum sagt mir: „Hier bin ich, wie ich bin, ganz autonom, und du hast zunächst gar nichts damit zu tun.“ Gleichzeitig wird klar, dass die Dinge mit sich im Einklang sind, Geborgenheit und Wärme vermitteln. So entsteht eine neue Substanz. Was vorher außen war wird nach und nach etwas Innerliches, eine Proportionalität, die ich unmittelbar in meine Seele hineinarbeiten kann und zu meinem eigenen Vermögen wird – zu wirklichem Kapital (J. Stüttgen ebenda, S. 100).

Zitat von J. Beuys aus der Wirtschaftswoche vom 22.10.1976:

Das ist mein erweiterter Kunstbegriff, und der ist tatsächlich wirtschaftlicher Natur. Denn Wirtschaft ist schöpferisch. Das primäre Gut, das Menschen produzieren können, sind Erkenntnisse, und nach diesen Erkenntnissen richten sich alle weiteren Produktionsprozesse. Deshalb meine Formel: Kreativität=Volksvermögen.“

Am 6. September 1977 sprach Beuys auf der documenta 6:

„…Wenn sich der erweiterte Kunstbegriff nicht mehr auf den reduzierten Kunstbetrieb der kapitalistischen Systeme, aber auf alle Menschen als Künstler bezieht, geht der Begriff in der Arbeit auf. Jede Arbeitsintention ist ein Ansatz zu einem großen Kunstwerk. Der Unterschied sogenannter kultureller und sogenannter industrieller Arbeit entfällt. Jede Arbeit ist durch den Kunstbegriff gekennzeichnet. Der erweiterte Kunstbegriff ist gleichzeitig der Ökonomiebegriff. Oder: Der Ökonomiebegriff, die Arbeit ist auch der Kunstbegriff, konkret: Das Kapital.“

Später fährt er fort: „Es bedarf nur der Rechtsregelung, um das Geld aus seinem Warencharakter zu befreien und zu einem Rechtsregulator für die Arbeit zu machen. Profit, Eigentum und Lohnabhängigkeit als Ideologien der kapitalistischen Systeme werden verschwinden …“

Zu anderer Gelegenheit sagt Beuys: „Wenn man schärfer darüber nachdenkt, wird man vielleicht eines Tages dahin kommen, dass das ökonomische Gebiet das eigentlich künstlerische ist, aber erst dann, wenn das Ökonomische sich in der richtige Weise verbindet mit dem Kulturellen, d.h. wenn dasjenige im ökonomischen Bereich überwunden wird, was man Entfremdung nennt.“

Der erweitert Kunstbegriff zielt auf den Kapitalbegriff, d.h. auf die Gestaltung des Gesamtkunstwerks „Soziale Skulptur.“

Eines der wichtigsten Werke von Joseph Beuys ist von nun an im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen: „Das Kapital Raum 1970-1977“ ist eine Dauerleihgabe des Kunstmäzens Erich Marx.

Joseph Beuys: Menschliches Kapital

https://www.youtube.com/watch?v=lMre2CD3gMM

Der Kapitalbegriff der Bibel – Besitz im Verständnis der hebräischen Kultur

Die hebräische Sprache hat für das Haben keinen Begriff. Besitz oder Eigentum wird anstelle des Habens als etwas bezeichnet, dass einem zur Verfügung gestellt oder zur guten Verwaltung im Auftrag eines Gebers anvertraut ist. Wenn einer Person oder Gruppe etwas gehört wird es im Sinne eines Widerfahrens gebraucht. Es heißt nicht „ich habe einen Sohn“, sondern „er ist mir ein Sohn“ oder in Bezug auf Besitz „es ist mir ein Haus“. Das Objekt wird also nicht durch ein Haben einer Person privat, sondern es ist etwas füreine Person oder Gemeinschaft zum guten Gebrauch. Die Bedeutung des Besitzes wird einer Sache nicht durch ein Individuum verliehen, sondern der Gebrauch ist an ein Selbstverständnis (Berufung, engl. calling) der Verwendung geknüpft, die ihm durch eine überindividuelle (bestimmende) Instanz verliehen wurde. Die durch diese Autorität zugewiesene Bedeutung ist die, auf die ich höre. Ge-hören kommt im ursprünglichen Sinne von „auf die Bestimmung der Sache hören.“ Die Sache ist nicht für mich im ausschließlichen Sinne, sondern sie trägt eine Bestimmung vom Schöpfer, die mir dient insofern ich die Bestimmung annehme und mich in SEINEN Dienst stelle. Auf diese Weise kann mir die Sache im Sinne des Schöpfers zum Besten dienen. Die Berufung geschieht durch die Verbindung meiner Person mit der Ordnung der höheren Instanz – hier dem Wesen des Schöpfers. Es ist diese dritte Instanz, die uns als Geschöpfe über die Instanz des Schöpfers mit der Schöpfung verbindet. Die Zuweisung des Gebrauchs kann religiös, kulturell, sozial oder juristisch erfolgen. Weiter ausgelegt hat die Sache oder der Gegenstand eine Bedeutung an sich und für den Besitzer nur durch die höhere Instanz und nicht durch den Besitzer. Es würde in der alt-hebräischen Kultur als Anmaßung betrachtet, wenn der vorübergehende Besitzer das ihm anvertraute Gut allein für sich in Anspruch nehmen würde. Er/sie würde ihre Wurzeln und ihre Verankerung in Geschichte und Schöpfung verleugnen.

Das Kapital der Schöpfung

Die Beziehungen und Dinge erhalten also nicht ihre Bedeutung durch den Besitzer. Die Potentiale der Schöpfung (Kapitalien) sind bereit mit mir „zusammenzuarbeiten“ im Auftrag des Schöpfers oder durch eine andere Form der Legitimation (z.B. Tradition). Die Schöpfung stellt mir ihr (SEIN) Kapital zur Verfügung und mein Kapital (Gestaltungspotentiale/Gaben) wird dadurch in die Entwicklung des Gesamtkapitals eingegliedert. Sobald ich mir etwas aneigne, entnehme ich die Sache aus dem Zusammenhang und isoliere das Interesse etwa eines Unternehmens und meiner Person im Bezug auf das Ganze. Die Sache hat nun nur noch die Bedeutung, die ich ihr aus meiner subjektiven Perspektive zumessen kann. Es ist nun als ob ich die Energie (Kapitalfluss), die mir sonst aus dem Netz (Kapitalstock) zufließt, allein erzeugen muss oder einen Teil des Ganzen herauslöse und mit ihm getrennt vom Entstehungs- und Bestimmungszusammenhang umgehe. Darin wird meine Kraft schnell erschöpft sein und die Initiative stirbt oder verbindet sich nicht mit dem Zusammenhang. Es besteht darüber hinaus die Gefahr das das, was mir Gutes durch die Bestimmung angedeihen sollte, sich gegen mich wendet und ich erkennen muss, dass das, was ich mir „privat“ von der Initiative versprochen habe, sich weder für mich noch für das Ganze erfüllt. Daraus können für das Individuum zwei Konsequenzen erwachsen. Erstens: es erkennt seinen Irrtum und gibt die Sache frei (Umkehr) oder zweitens: es lässt sich weiter in den Strudel der bestimmungswidrigenAneignung schöpferischer Kraft (=Kapital) hineinziehen. Das geschieht in der Regel, indem ich immer mehr Besitz anhäufe, weil nun an die Stelle der Leere des Sinns im Ganzen, die Gier nach Mehr für das Ich tritt. Aus der Infektion resultiert das Geschwür.

Das Gleiche gilt für die Beziehungen zwischen Menschen. Ich soll mich vermittelt durch den Schöpfer (Abstimmung) in Beziehung zu meinen Mitmenschen setzen. Ich soll sie nicht unter dem Gesichtspunkt der Vorteilsnahme oder Nutzens für meine Geschäfte vereinnahmen – also als Mittel zu meinem Zweck betrachten, sondern im Sinne der Bestimmung des Schöpfers, der uns gemeinsam (ohne Ansehen von Status) mithilfe der gesamten Schöpfung (Kapitalien) dient. In dieser Bestimmung ist Würde, Respekt, Wertschätzung und die Bereitschaft zu Teilen das Ziel menschlichen Miteinanders. In diesem Sinn darf ich dankbar sein, dass ich in dieser Ordnung leben und mich einfügen darf, denn sie trägt (engl. sustain) mich als Teil in der Identität des Ganzen. Diesen Bezug finden wir immer wieder in der Auslegung der Begriffe Eigentum und Besitz in den Urtexten der Heiligen Schrift.

Eigentum/Besitz als anvertrautes Kapital in der hebräischen Kultur

In der modernen Übersetzung des hebräischen Wortes yarash oder im aramäischen chacan wird der Begriff im Sinne von „etwas als Eigentum halten“ übersetzt. Im Alten Testament repräsentiert das Verb die Bedeutung von „etwas in Besitz nehmen“, was die vorübergehende Nutzung oder Verwaltung impliziert. So ist das „in Besitz nehmen“ an den meisten Stellen synonym für Eigentum. In der revidierten Übersetzung (British and American) wurde dies jedoch nicht berücksichtigt. In den Apokryphen und im Neuen Testament hat man dann diesen Mangel wieder behoben.

In der King James Version wird das Wort besitzen einmal als behalten (katecho) übersetzt (1. Korinther 7, 30; 2. Korinther 6,10) und in der gleichen Übersetzung an anderer Stelle wird das Wort ktaomai verwendet, das soviel heißt wie (vorübergehend) „in Besitz nehmen“ (Judith 8, 22), empfangen (Lukas 18, 12), gewinnen (Lukas 21,19). In 1. Thessalonicher 4, 4 lesen wir: „Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch verstehe, sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehre zu halten.“ Auch der menschliche Körper wird hier als Besitz oder Eigentum im Sinne eines Gefäßes betrachtet, dem von Gott her eine Bestimmung zugewiesen ist. Die Gemeinschaft der Menschheit kann in diesem Duktus als erweiterter Leib interpretiert werden. Innerhalb dieser göttlichen Bestimmung soll der Gebrauch zum wohle des Ganzen ausgeübt werden, um dem Besitzer (gute/r Verwalter/In) Segen zu bringen. Außerhalb dieser göttlichen Bestimmung gibt es keinen rechtmäßigen oder „guten“ Gebrauch der Sache. Aus dem Gut wird dann ein Bad – es verdirbt. Böse bedeutet in diesem Sinne, dem Guten entfremdet oder rechtswidrig angeeignet.

Interessant sind noch folgende Abschnitte, die die Deutung des Begriffs zusätzlich erhellen: 5. Mose 11, 6: „… und was er an Datan und Abiram getan hat, den Söhnen des Eliab, des Sohnes Rubens, wie die Erde ihren Mund aufriss und sie mitten in ganz Israel verschlang samt ihren Familien und ihren Zelten und allem Bestand,der in ihrem Gefolge war.“ In der King James Version heißt es: „all the substance that was in their possession,“ oder „all that subsisted at their feet“ (the revised British and American Version) „every living thing that followed them.“ Hier ist von Substanz die Rede, die in ihrem Besitz war und die sie (ihre Füße= als tragende Existenz) trägt. Die King James Version benutzt das Wort Besitz in Apostelgeschichte 28, 7: „In der Umgebung jenes Ortes aber besaß der Erste der Insel, mit Namen Publius, Ländereien;der nahm uns auf und beherbergte uns drei Tage freundlich.“ Weiterhin hören wir in Epheser 1,14 ff.: „In ihm seid auch ihr, als ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils, gehört habt und gläubig geworden seid, versiegelt worden mit dem Heiligen Geistder Verheißung. 14 Der ist die Anzahlung auf unser Erbe auf die Erlösung seines Eigentums zum Preis seiner Herrlichkeit (revidierte British and American Version übersetzt die Worte peripoiesis, von peripoieo, „cause to remain over,“ „gain,“ rendered „God’s own possession.“ Wir können aus diesem Kontext heraus den Heiligen Geist als Bank (Kreditor, der eine Anzahlung leistet) unseres Erbes (unserer Gaben, aber im Sinne des genetischen Erbes der Tradition der Vorfahren) begreifen. Der Heilige Geist (er-) löst das kreative Kapital, setzt es frei zum „Preis“ seiner Herrlichkeit. Das Erbe/Kapital wird also durch den Heiligen Geist in uns freigesetzt, um die Schöpfung (SEIN Eigentum) zu erlösen (von der Sünde, dem Bösen, dem Missbrauch). ER bezahlt (kreditiert/finanziert) schöpft das Kapital durch SEINEN Vorschuss (Einkommen) an uns, damit wir in SEINER Herrlichkeit leben dürfen (Segensstrom der Kapitalbildung).

Diese Sicht bestätigt sich nochmals in 1. Petrus 2, 8-9: „Da sie nicht gehorsam sind, stoßen sie sich an dem Wort, wozu sie auch bestimmt worden sind. 9 Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat.“

Biblisch gesehen gibt es also nur ein Kapital – Gott! ER ist die Quelle und der Ursprung allen Lebens ist. Alles haben wir nur in IHM und besitzen (halten, verwalten, mehren, „kapitalisieren“) es in der Zeit des irdischen Seins, aber aus dem Empfang der Bestimmung des Himmels (vom Kopf oder Haupt her =caput). Christus bezeichnet sich selbst als Haupt oder Hirte des Leibes bzw. seiner Herde, die SEINE Stimme hört. Nur im Hören auf die Stimme des Hauptes dienen uns die Dinge zum Besten. In IHM sind uns alle Dinge zugemessen (angemessen nach SEINEM Maß) und finden ihre „Erlösung“ (Entbindung der privaten Aneignung) in Wahrheit und Gerechtigkeit (was ihr im Himmel löst, soll auch auf Erden erlöst sein. Matthäus 18, 18: „Wahrlich ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein. 19Weiter sage ich euch: wo zwei unter euch eins werden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel…“.

Wir schauen auf die Begriffe Eigentum, Besitz, Wahrheit und Gerechtigkeit, weil sie in den biblischen Kontext des Kapitalbegriffs gehören. Unser Ziel ist es, die Aktionen und Unternehmungen der Menschen in eine zeitgemäße Deutung des Kapitalbegriffs einzuordnen, um sie von den Fehlsteuerungen des verengten Verständnisses von unternehmerischer Verantwortung zu befreien (erlösen). Mit Befreiung meinen wir die Lösung von der Bindung an verengte und verzerrende Deutungsinhalte, die als kapitalistische Art zu arbeiten und unternehmerisch tätig zu sein verstanden werden und so unter dem Begriff „Wirtschaft“ eine zerstörerische Wirkung entfalten.

Equity – Eigenkapital = Kapital?

Die biblische Bedeutung des Begriffs von Kapital zu erfassen erfordert eine genauere Analyse des Kontextes, da das Wort mit dem heute gebräuchlichen Begriffsinhalt zur Zeit der Entstehung der Schriften nicht existierte. Das, was wir im postindustriellen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts darunter verstehen, muss also umgedeutet werden. Das Selbstverständnis des Umgangs mit Ressourcen in den damaligen Agrargesellschaften und Wüstenvölkern wurde durch Tradition und Rituale bestimmt und diente der Subsistenz. Deshalb greifen wir auf Worte in seinem semantischen Umfeld zurück, deren Deutung sich aus dem Zusammenhang auf das heutige Verständnis übertragen lässt.

Neben den Begriffen Eigentum und Besitz findet man in den englischsprachigen Übersetzungen der Schriften das Wort „Equity“, das ebenfalls auch in einem gegenwärtig nicht mehr geläufigen Sinnzusammenhang verwendet wurde. Im heutigen Verständnis bezeichnet Equity in der deutschen Sprache das „Eigenkapital“ in der Bilanz eines Unternehmens. Eigenkapital ist der Kapitalteil eines Unternehmens, der sich aus eigenen finanziellen Mitteln zusammensetzt. Eigenkapital und Fremdkapital bilden zusammen das Gesamtkapital, dass sich im Eigentum eines Unternehmens (der Aktionäre/Gesellschafter) befindet.

Equity – der gerechte Umgang mit Besitz

In den Urschriften der Bibel wird Equity aus dem hebräischen Wort miyshor übersetzt und steht für Gerechtigkeit. Es hat seine Wurzel in der Bedeutung von „direkt, gerade, aufgerichtet oder ausgeglichen, ausgewogen in der Balance.“ Siehe auch:https://www.cchf.org/resources/h-and-da-christian-critique-of-equity/

Dasselbe Wort wird in Jesaja 40, 3 gebraucht: „Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.

Wenn wir den Sinnzusammenhang in die heutige Sprache übersetzen, würden wir den Begriff etwa für die Beschreibung eines Spiel-Feldes anwenden, das hergerichtet wird, damit man darauf spielen kann. Dabei gibt es Spielregeln, die sich der Erfinder des Spiels ausgedacht hat und die die Beziehungen der Teilnehmer untereinander gestalten, damit der Zweck des Spiels erfüllt wird. Der Kontext erlaubt es auch, den Begriff auf die Bearbeitung eines Ackerfeldes anzuwenden. Der Boden ist gemäß den örtlichen Gegebenheiten (Wetter, Bewässerung, Sonneneinstrahlung) so zu bearbeiten, dass die Pflanzen artgemäß gedeihen können und keine Schäden entstehen. Man könnte auch sagen, die Natur soll durch den Eingriff in der Balance oder im Gleichgewicht bleiben. Durch die wesensgemäße Bearbeitung des Ackers soll die Frucht sichtbar werden, aus deren Gedeihen erkennbar wird, welches Potential (Kapital) in diesem Nährboden enthalten ist und wie es gerecht und ausbalanciert zu schöpfen ist. Die umfassende Bedeutung von Equity wird in den folgenden Belegstellen noch deutlicher.

In den Psalmen wird davon gesprochen, dass Gott das Volk mit „equity“ richtet. Damit soll ausgedrückt werden, dass Gott – als höchste Instanz – darauf achtet, dass seine Ordnungen beachtet werden, um SEIN Volk zu schützen. Das Volk soll erkennen, wer ER ist und dass ER gut ist und es sich lohnt, seinen Ordnungen zu folgen. Hier sind Beispiele für den Kontext, in dem der Begriff noch angewandt wird.

Psalm 96, 10: „Sagt unter den Heiden: Der HERR ist König. Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt. Er richtet die Völker recht.“

Psalm 98, 8: „Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich 9 vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.“

Psalm 99, 4: „Die Stärke des Königs ist, dass er das Recht liebt. Du hast bestimmt, was richtig ist, du schaffest Recht und Gerechtigkeit in Jakob.“

In den Sprüchen wird „equity“ auch als ethische Orientierung im Zusammenhang mit der Suche nach Weisheit verwendet. Auch finden wir ihn im Sinnzusammenhang von Fairness und Ausgewogenheit von Entscheidungen.

Maleachi 2, 6: „Verlässliche Weisungwar in seinem Munde, und es wurde nichts Böses auf seinen Lippen gefunden. Er wandelte mit mir friedsam und aufrichtigund hielt viele von Sünden zurück. 7 Denn des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, dass man aus seinem Munde Weisung suche;denn er ist ein Bote des HERRN Zebaoth.

In der englischen Übersetzung heißt es: „The early priests walked in equity, or uprightness.“

In Micha 3, 9 lesen wir: „So höret doch dies, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Herren im Hause Israel, die ihr das Rechtverabscheut und alles, was gerade ist, krumm macht.“ Der Prophet verurteilt hier die Herrscher Israels und bezichtigt sie des Missbrauchs des Rechts (equity). In beiden Passagen wird dem Recht=göttliche Ordnung das Wort „krumm“ gegenübergestellt, was in der King James Bibel als „inequity“ übersetzt wird, was soviel wie „Ungerechtigkeit, Ungleichgewicht, Unausgewogenheit“ bedeutet. Es ist bezogen auf eine Tat oder ein Urteil. Aus dem gleichen Wortstamm besteht das Wort „iniquity“, was „Missetaten, Boshaftigkeit oder sündhaftes Handeln“ beschreibt. Die Umschreibungen schildern die Folgen der Nichtbeachtung der Schöpfungsordnung in ihrer schädigenden Wirkung für Mensch und Mitwelt. „Iniquity“ steht eher für Missbrauch im Sinne einer vorsätzlich (boshaften) Schädigung oder Missachtung des gerechten Gebrauchs, während „inequity“ eher beschreibenden Charakter hat und den fahrlässigen Mangel bezeichnet, der durch Unachtsamkeit und die Abwesenheit von Gesetzen oder ordnenden richterlichen Instanzen entsteht.

Equity im Sinne von Kapital beinhaltet im Ursprung immer den ethisch-gerechten oder im Sinne der Gemeinschaft angemessenen Umgang mit einer Sache oder anvertrauten Menschen, insbesondere auch in Herrschafts- oder Abhängigkeitsverhältnissen (Sklaven, abhängige Arbeit). Es geht um Gerechtigkeit im Sinne von Fairness und Beachtung der Spielregeln. Es geht um Aufrichtigkeit als Grundlage jeder Gesellschaft und des verantwortungsvollen Handelns ihrer Mitglieder. Equity spiegelt dem Menschen die Art und das Wesen Gottes, wie ER handelt und den rechten Umgang mit seinem Volk pflegt (Richter, Gericht). Dabei haben Sanktionen (Gericht) keine strafende Intention, sondern Orientierungscharakter, der menschliches Wirken am Wohl aller Teile des Ganzen ausrichtet. Dies soll dazu dienen, dass das kreative=göttliche Potential (Kapital) optimal geschöpft wird und gedeiht. Insofern ist Gott also als Vater beispielgebend für das Zusammenwirken mit seinen Geschöpfen. Gottes Wille ist es, dass Menschen fair, aufrichtig und gerecht miteinander umgehen und dies spiegelt sich im ethischen Umgang mit der Natur und den Dingen wider. Menschen sind aufgerufen entsprechend des göttlichen Ebenbildes zu handeln. Wenn die Menschen diese Ordnungen nicht befolgen, entstehen daraus Ungleichgewichte und Verwerfungen (iniquity/inequity).

Gleichheit (equality) und Gerechtigkeit (equity)

Ein weiterer begriffserhellender Ansatz ist die Abgrenzung von equity=Gerechtigkeit zu dem Wort equality = Gleichheit. Hierzu ein Beispiel: Gleichheit beschreibt den Vorgang, wenn ein Staat 5 Steuern von einem armen Mann mit einem Fahrrad und einer reichen Frau mit einem großen Luxusauto nimmt. Equity bezeichnet das Steuerverhalten, wenn der Mann 50 Cent, die Frau aber 5 zahlen muss. Die Frau ist glücklicher mit „equality“, der Mann sieht glücklicher aus mit „equity.“

Beide Begriffe vergleichen eine Gruppe mit einer anderen Gruppe, aber der eine Begriff schaut die Individuen und ihre Lebensverhältnisse an, der andere Begriff urteilt rein quantitativ. Aber die Unterschiede sind nicht immer so offensichtlich. Wenn z.B. die Lebenserwartung einer Gruppe 39 Jahre beträgt und die einer anderen Gruppe 70 Jahre, dann ist die Sache klar, dass die längere Lebenszeit ein Vorteil ist. Wenn der Vergleich nun aber um eine dritte Gruppe erweitert wird, die durchschnittlich 87 wird, ist es dann offensichtlich, dass es dieser Gruppe besser geht als den 70jährigen? Sind die älteren Menschen wirklich glücklicher, wenn sie bettlägerig, senil sind oder ständig unter dem Einfluss von starken Medikamenten stehen?

An diesem Beispiel sollte deutlich werden, dass der Begriff der Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit seine inhaltliche Bedeutung einbüßt, wenn wir ihn nur als Werkzeug der Unterscheidung von Quantitäten einsetzen. Die grundlegende Frage ist doch, ob die Unterschiede gerecht d.h. angemessen oder unangemessen sind und was der Maßstab ist. Wir müssen also die Bewertungsmaßstäbe ins Blickfeld rücken. Die hebräische Wortbedeutung konkretisiert die ethische Haltung von Gerechtigkeit in den Worten „gerade“ und „ausgerichtet“ (hier: an Gottes Ordnung). ER ist der Maßstab, weil ER der Schöpfer ist und das Wesen des ganzen Universums – jenseits der Raum-Zeit-Dimension ist.

Gleichheit und Gerechtigkeit – wie entscheidet KI?

In den gegenwärtigen Diskussionen um Gerechtigkeit geht es oft nur darum, wer die bessere Statistik hat. Die ethische Haltung und Bewertung der sozialen Umstände und die Verantwortung aller Konsumenten und unternehmerisch Tätigen wieder tritt dabei in den Hintergrund. Im Hinblick auf die Auswirkungen von Biotechnologie, von KI, Roboterisierung und Digitalisierung auf den Umgang mit Mensch und Natur müssen die Technikfolgen abgeschätzt und ihr Einsatz zivilgesellschaftlich abgestimmt werden. Wissenschaftlicher, Technologen und Unternehmer dürfen sich nicht der moralischen Verantwortung ihrer Erfindungen oder Unternehmen entziehen. In der Mitte des 19 Jahrhundert hat der deutsche Wissenschaftler und Medizinforscher Rudolf Virchow folgendes Statement dazu abgegeben: Der Arzt muss sich mit dem gesamten Umfeld der Menschen auseinandersetzen und sollte sich deswegen nicht aus der politischen Arena fernhalten. Wie entscheiden wir, was fair und gerecht ist? Und was können wir tun außer Stellung zu nehmen? Wagen wir noch einen anderen biblischen Blick auf beide Fragen.

Die Lehre vom rechten Umgang mit Besitz – Kapitalbegriff im Neuen Testament

Im NT finden wir das Wort equity nicht mehr. Aus den Worten Jesus lassen sich jedoch zahlreiche Hinweise für den Maßstab eines guten Umgangs mit Besitz (wir deuten das Wort jetzt im Sinne des Kapitalbegriffs) herleiten. Sehen wir uns das Gleichnis vom von den Arbeitern im Weinberg an, dass wohl zu den umstrittensten der ganzen Bibel gehört. Hier stoßen wir auf unsere Thematik. Jesus fordert uns heraus nicht nur auf gleichen Lohn im Sinne von equality zu schauen, sondern die spezifischen Lebensverhältnisse der Betroffenen zu berücksichtigen, um ein ausgewogenes Urteil im Sinne von equity zu finden.

Der reiche Jüngling – irdische Kapitalbildung als Zugang zum ewigen Leben

Das Gleichnis vom reichen Jüngling macht deutlich, dass man mit Gott nicht handeln kann, um für sich selbst ein wünschenswertes Ergebnis zu erreichen, ohne an die soziale Ausgewogenheit (equity) und Angemessenheit wirtschaftlichen Handelns zu denken.

In Matthäus 19, 16-20 lesen wir: „16 Und siehe, einer trat herbei und sprach zu ihm: Lehrer, was soll ich Gutes tun, damit ich ewiges Leben habe? 17 Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist der Gute. Wenn du aber ins Leben hineinkommen willst, so halte die Gebote! 18 Er spricht zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: Diese: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsches Zeugnis geben; 19 ehre den Vater und die Mutter; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! 20 Der junge Mann spricht zu ihm: Alles dies habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? 21 Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Erlös den Armen! Und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Und komm, folge mir nach! 22 Als aber der junge Mann das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Güter.“

Dem Jüngling ging es in erster Linie um sich selbst. Er wollte nicht nur irdischen Reichtum, sondern auch noch die Gewähr, ins Himmelreich zu kommen. „Was soll ich tun“ (?) heißt, ich will wissen, was ich tun muss, um zu bekommen, was ich will. Jesus schaut nun zuerst auf Seelenzustand des reichen Mannes (er liebte ihn). Er möchte einen Perspektivwechsel bei ihm bewirken. Jesus richtet den Blick des Mannes auf das Ganze und den Sinn. ER richtet dessen Aufmerksamkeit auf die Armen. Er will sagen, dass sein Reichtum nicht der Reichtum ist und das „sein“ Reichtum als Wert auf das Ganze zu beziehen ist. D.h. auf die Menschen, die arm sind. Damit erweitert sich der Blickwinkel auf das Wesentliche des Reichtums. Das Wesentliche des Reichtums ist Gott selbst und nur in SEINER Nähe, durch die Annahme der göttlichen Wesenszüge kommt er in die Nähe Gottes (den Himmel und zum ewigen Leben). Und Gottes Wesenszug ist equity – Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Fürsorge für die Schwächsten der Gesellschaft. Liebe, Fürsorge und Empathie ist der Maßstab für die Gerechtigkeit. Und die Liebe gibt Alles, hält nichts zurück.

Der gerechte Lohn für Arbeit am irdischen Kapital

Einen weiteren Hinweis auf die Haltung Jesu zu dem Thema finden wir im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

Matthäus 20: „Denn mit dem Reich der Himmel ist es wie mit einem Hausherrn, der ganz frühmorgens hinausging, um Arbeiter in seinen Weinberg einzustellen. 2 Nachdem er aber mit den Arbeitern um einen Denar den Tag übereingekommen war, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere auf dem Markt müßig stehen; 4 und zu diesen sprach er: Geht auch ihr hin in den Weinberg! Und was recht ist, werde ich euch geben. 5 Sie aber gingen hin. Wieder aber ging er hinaus um die sechste und neunte Stunde und machte es ebenso. 6 Als er aber um die elfte Stunde hinausging, fand er andere stehen und spricht zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig? 7 Sie sagen zu ihm: Weil niemand uns eingestellt hat. Er spricht zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg! 8 Als es aber Abend geworden war, spricht der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn, angefangen von den letzten bis zu den ersten! 9 Und als die um die elfte Stunde Eingestellten kamen, empfingen sie je einen Denar. 10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr empfangen würden; und auch sie empfingen je einen Denar. 11 Als sie den aber empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese Letzten haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgemacht, die wir die Last des Tages und die Hitze getragen haben. 13 Er aber antwortete und sprach zu einem von ihnen: Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? 14 Nimm das Deine und geh hin! Ich will aber diesem Letzten geben wie auch dir. 15 Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will?Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin? 16 So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein; denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte.

Die Parabel erscheint uns rätselhaft. Der Landbesitzer stellt Tagelöhner ein und bietet ihnen dafür einen üblichen Lohn an. Ein paar Stunden später, stellt er weitere Personen ein und bietet ihnen ebenfalls die Vergütung an (equitable wage). Dann um 15:00 und um 17:00 Uhr kommen weitere Arbeiter dazu und am Ende zahlt er auch ihnen den Tageslohn aus. Die zuerst eingestellten Arbeiter sind nun mürrisch und beschweren sich, dass er die zuletzt gekommenen Arbeiter gleich (equal) behandelt wie sie, die sie vom Morgen an im Weinberg gearbeitet haben. Der Besitzer des Weinbergs entgegnet, dass er diesen Vorgang nicht für unfair hält, sondern, dass er sich an seine mit ihnen vereinbarte Vergütung gehalten habe, es im Übrigen aber seine Sache sei, großzügig zu sein.

Auf der einen Seite ist das Gleichnis eine gute Illustration des Unterschieds zwischen Gleichheit (equality) und Gerechtigkeit (equity). Die zuerst eingestellten Arbeiter dachten sie erhielten gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Der Landbesitzer handelt angemessen, nach dem Maßstab von Gerechtigkeit und an Großzügigkeit. Vielleicht waren die letzteingestellten Arbeiter Opfer einer hohen Arbeitslosenquote, wobei Jesus keine Aussage im Sinne einer sozioökonomischen Schilderung der Umstände macht. Die Leser werden allein gelassen in der Reflexion über das Verhalten der Akteure. „Die Letzten werden die Ersten sein“… ist das gerecht?

Wenn wir den Kontext beider Gleichnisse näher beleuchten, erfahren wir zunächst, dass der junge Herrscher Jesus anspricht und ihn nach dem ewigen Leben fragt. Jesus antwortet ihm, indem er ihn auffordert, die Gebote zu halten. Dann fragt er ihn auch noch „welche“, als ob er sie nicht kenne. Dann zählt Jesus ein paar davon auf. Auf die Frage „was noch“ bringt uns die Geschichte zum Kern der Sache. Was Jesus nun sagt, wird den jungen Mann befreien oder zerstören. Jesus sieht ihn an und „liebte“ ihn (Markus 10, 21). ER ahnte wahrscheinlich die Reaktion im Voraus. Jesus fordert ihn auf, alles was er hat den Armen zu geben und ihm nachzufolgen.

Als der reiche Mann merkt, dass er nicht bereit ist, seine Befreiung anzunehmen, wendet er sich traurig ab. Jesus weiß und sagt dies auch, wie schwer es für Wohlhabende ist in das Reich Gottes zu kommen. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass er Besitzer /Eigentümer der Güter ist und sein Leben in dem Glauben gelebt hat, dass er für sich selbst sorgen muss, dem fällt es schwer, seine Habe wieder abzugeben und sich ganz in die Abhängigkeit von Gottes Versorgung zu stellen. Gleichzeitig stellt dieser Glaube an die Selbstversorgung einen fundamentalen Irrtum dar, der uns in eine Abhängigkeit von materiellen Gütern führt. Die Radikalität mit der Jesus auffordert, sich von allen Bindungen zu trennen, beeindruckte selbst die Apostel immer wieder. Wer kann denn dann überhaupt gerettet werden, wenn es menschlich unmöglich ist, sich von allen irdischen Dingen zu trennen. Jesus sagt, dass dies nur durch göttliches Eingreifen möglich ist.

Nun folgt die folgende Szene: Matthäus19: 27 Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür zuteil? 28 Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels. 29 Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens Willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben. 30 Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.

Die o.a. Gleichnisse verarbeiten Jesu Reaktion auf die Fragen der Pharisäer, die Jesus versuchten, indem sie ihn zwingen wollten, ihnen religiöse Leistungskriterien und Maßstäbe zu nennen, mit deren Hilfe sie an einer Veränderung der Herzen und ihres Wesens vorbeikommen. Er spiegelt ihnen in den Gleichnissen, dass Gott nach dem Motiv schaut und der Aufrichtigkeit, mit der sie anderen Menschen begegnen. Eine Besitz- oder Leistungshaltung gegenüber religiösem oder materiellem Kapital macht hochmütig und stolz. Auch die Spekulation des Petrus, der im Reich Gottes gerne in der ersten Reihe sitzen wollte, weist Jesus schroff zurück. Er warnt Petrus vor dem religiösen Bestreben sich zu den besseren Gläubigen zählen zu wollen. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist eine Reaktion auf diese Ambition. Jesus scheint Petrus sagen zu wollen, dass er auf jeden Fall sein gerechtes Urteil und seinen angemessenen Platz erhalten wird. Quintessenz: In Gottes Reich gibt es keine erste Reihe.

Gerechtigkeit und Armut im NT

Was sagt uns dieser Abschnitt über Gerechtigkeit und Interessenvertretung im Neuen Testament? Die Gleichnisse handeln von der bedingungslosen Liebe Gottes. Es kann nichts Gutes sein, dass Menschen arm sind und in Not und Hunger leben. Trotzdem bleiben die Maßnahmen zur Beseitigung der Armut unbefriedigend.

Es gibt keinen Plan und keine Versprechung, dass Armut in diesem Leben vollständig beseitigt würde. Ungerechtigkeit, Unterdrückung und die daraus resultierende Not werden im Alten Testament eindeutig verurteilt und die Männer und Frauen Gottes werden ermahnt und ermutigt dagegen aufzustehen und offensichtlicher Not durch Teilen ihrer Güter zu begegnen. Jesus sagt, dass Arme immer unter uns sein werden (Markus 14, 7) und er gibt auch kein Rezept an, wie sie zu beseitigen wären. Sein Aufruf gilt in diesem Kontext der Verhinderung von einer Konzentration der Vermögen in wenigen Händen und das nicht nur wegen der Armen, sondern auch wegen der Reichen. Jesus liebt den reichen Herrscher und er will, dass er gerettet wird. Aber er lebt in Gebundenheit an seine Güter. Der reiche Jüngling hat das wahre Kapital nicht erkannt.

Der Rat den Jeus dem jungen Mann gibt unterscheidet sich nicht von dem, den er seinen Aposteln gibt: Lukas 12, 33: „Verkauft euren Besitz und gebt es den Armen.“ Das beseitigt die Armut nicht, aber es stellt einen Zusammenhang her zwischen Armut und übermäßigem Reichtum, der einer tieferliegenden geistlichen Deutung bedarf. Außerdem macht Jesus sichtbar, dass die Abschaffung der Armut uns etwas kostet. Und so scheint es, als ob Jesus im Reichtum ein größeres geistliches Problem sieht als in der Armut.

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg scheint uns Jesus zuerst den Unterschied zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit aufzeigen zu wollen. Dann gibt er uns aber keine Begründung, warum die zuletzt eingestellten Arbeiter so gut behandelt werden sollten. Die Anlage des Gleichnisses lässt erkennen, dass es nicht um Gleichheit im quantitativen Sinne geht, aber wie ER sich Gerechtigkeit konkret vorstellt bleibt er den Pharisäern schuldig. Wir werden lediglich herausgefordert unseren eigenen Reichtum zu reduzieren und auf diese Weise jenseits der numerischen Gleichheit einen qualitativen geistlichen Bezug zu suchen.

Die Schöpfung des Kapitals in Christus

Wie können wir das auf unseren Begriff von Kapital, Vermögen und Gerechtigkeit anwenden?

In 1. Korinther 1, 27-29 stellt Paulus der konventionellen Erkenntnis die Torheit des Kreuzes gegenüber und vergleicht die als intelligent angesehenen Menschen mit denen, die die Welt als gewöhnlich und verachtungswürdig bezeichnet. Equity macht gerade, was krumm ist. Gott stellt die Dinge ins richtige Licht. ER richtet die Welt neu aus.

Wie wenden wir das auf den Kapitalbegriff an. Wie können wir als Christen dazu beitragen, dass das Kapital als zentrale Beschreibung der Kraft und Vollmacht begriffen wird, dass uns als göttliche Stiftung zur Gestaltung der Erde nach Gottes Ordnung anvertraut ist und mithilfe des Heiligen Geistes geschöpft werden kann. Sind wir zu politischem Aktivismus aufgefordert. In Jesu Ebenbild sind wir Licht und Salz. Wir sollen leuchten und verändernd einwirken auf die Lebensumstände, in denen wir leben und das, was Gott uns an Gaben und Gütern anvertraut in Seinem Sinne einsetzen, um die Folgen der Sünde, die Not und Armut an Gütern und Geist erzeugt zu lindern. Dies stellt in Jesu Sicht einen zentralen Wesenszug christlichen Wirkens dar. Christen sollen Missstände ansprechen, den Machthabern die Auswirkung ihres Tuns auf die Armen aufzeigen, Alternativen vorschlagen und soweit möglich daran mitwirken, dass diese Maßnahmen umgesetzt werden. In der Zwischenzeit sind wir aufgerufen in unserem Wirkungskreis vorbildlich zu handeln, unser Hab und Gut zu teilen und Lösungen zu erarbeiten. Wo Christen politische Verantwortung übertragen bekommen, sollten sie sich auch auf politscher Ebene engagieren. Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Deutung des Verhaltens nach geistlichen Maßstäben. Sünde ist verwoben in das Weltsystem der Regierungen und Gesellschaften. Wir können dieses System nicht für uns akzeptieren, weil es ungerecht und zerstörerisch ist. Wenn wir uns einbilden durch Politik und Interessenvertretung eine neue Welt erschaffen zu können, lassen wir uns auf eine Lüge ein. Wenn wir jedoch nur evangelistisch einwirken, vernachlässigen wir das Mandat uns aktiv für Gerechtigkeit einzusetzen. Nun scheint es, wir bewegen uns zwischen einem Stein und einem harten Gegenstand.

Dort bleiben wir auch gefangen, wenn wir die Worte Jesu nicht nochmals genau reflektieren. ER sagt uns, dass wir Licht und Salz sind. Wir erleuchten und bewahren die Welt, indem wir uns durch IHN verändern lassen. Jesus befreit uns von der Sünde einschließlich dem Druck, die Welt verändern zu müssen. Wir sollen uns ändern und IHM nachfolgen. Um das göttliche Wesen in dieser Welt zu repräsentieren müssen wir an all den Stellen sein, wo diese Welt Not leidet. Wir sollen der Welt Kreuz mittragen.

Lukas 4, 18 ff.: Der Geist des HERRN ist bei mir, darum, daß er mich gesalbt hat; er hat mich gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu heilen die zerstoßenen Herzen, zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollten, und den Blinden das Gesicht und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, 19und zu verkündigen das angenehme Jahr des HERRN.“…

1. Korinther 2, 15 ff.: „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich gerichtet sein. 15Der geistliche aber richtet alles, und wird von niemand gerichtet. 16Denn „wer hat des HERRN Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen?“ Wir aber haben Christi Sinn.“

Equity in der Deutung von Substanz Gerechtigkeit zu üben ist neu im Hinblick auf den Kapitalbegriff zu fassen. Der Begriff fordert uns nicht nur zur ökonomischen Schöpfung unternehmerischer Gaben aus, sondern er fordert uns als Christen zu Fairness, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Ausgewogenheit unseres Handelns auf.

1. Johannes 2, 20: Und ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und wisset alles.

Quellen: Raymond Downing, M.D., serves with the Indian Health Service in Fort Defiance, AZ. At the time of completing this article, he was serving in Lugulu, Kenya. His newest book is As They See It: The Development of the AIDS Discourse, Adonis and Abbey Publishers, Ltd, 2005.

Kapitalkraft – das Ganze vom Haupt her – aus dem Geist Gottes – gestalten

Das Ganze vom Haupt her gestalten. Das Bild vom Ganzen bekommt man von Oben her. Berglehre Jesu, Berg Sinai etc.. Man könnte auch sagen, Kapital ist die Idee, die Bestimmung und Intention des Ganzen. Kapital ist das Potential, das angelegt ist in der Sache, Welt, Schöpfung. Mensch schöpft diese Potentiale in dem er/sie sich leiten, führen lässt von der Kraft und Vollmacht, die in der Idee, der Schöpfung etc. enthalten ist. Es bildet von Oben her (Kapitell über der Säule) die Statik. Krone, König – trägt zugleich Verantwortung, für das anvertraute „Reich“. Gestaltungsverantwortung für das Funktionieren des Ganzen. Dirigent des Orchesters, die Künstlerin des Bildes, die Gestalter des Unternehmens, die Mitglieder eines Parlaments, eine Vielzahl von Menschen, die sich abstimmen und gemeinsam ein Bild entwerfen und gestalten, dem Willen entgegen, der uns von der zukünftigen Menschheit entgegenkommt.

Frank H. Wilhelmi, Frankfurt am Main, 21. November 2019